Jerusalem. Die Heilige Stadt im Konfessionswirrwarr

Etwa zwei Wochen vor Trumps umstrittener Äußerung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennen zu wollen, besuchten wir als krönenden Abschluss unserer Nahostreise den „Zankapfel“ Jerusalem. Wir sollten nur 1,5 Tage Zeit für das Kennenlernen der „Heiligen Stadt“ (auf Arabisch heißt Jerusalem nämlich „al-Quds“ – die Heilige) haben und dementsprechend vollgepackt war unser Besichtigungsprogramm. Vom Hotel in Bethlehem aus fuhren wir mit unserem Reisebus durch den Checkpoint zwischen Westjordanland und Israel hindurch (keine Kontrolle und Wartezeit) und nahmen entlang der Mauer Kurs auf Jerusalem. Erste Station war der Ölberg – auf Arabisch und Hebräisch „Olivenberg“ genannt, da der Berg einst mit Olivenbergen bewachsen war. Am Aussichtspunkt, den wir nach Besichtigung der kleinen Himmelfahrtskapelle (bewahrt angeblich den letzten Fußabdruck Jesus‘ vor seiner Himmelfahrt auf) ansteuerten, war der Ölberg eher mit tausenden von Touristen „bewachsen“ so dass es schwer war, den historischen Ausführungen unseres Guides Ariel zu folgen. Aber der Panoramablick hinüber zur Altstadt Jerusalems mit dem die Al-Aqsa-Moschee und den Felsendom umfassenden Tempelberg, der Stadtmauer, zahlreichen Kirchtürmen, den konfessionellen Friedhöfen und der Stadtmauer waren mehr als beeindruckend. Ariel erzählte uns, dass es sich Juden, die auf dem Friedhof am Fuße des Ölbergs begraben werden wollen, bereits zu Lebzeiten Unmengen an Geld kosten lassen, um ein Grab mit „Ausblick“ auf den Tempelberg zu erkaufen.

Wir besichtigten die architektonisch interessante „Dominus Flevit“-Kirche (lat. für Der Herr weint), die von Franziskanern unterhalten wird und deren tränenförmige Gebäudeform an das Weinen Jesus‘ im Wissen um die baldige Zerstörung Jerusalems und die Diaspora des jüdischen Volkes erinnert. Über den untypischerweise nach Westen ausgerichteten Altar hinweg konnte man genau hinüber zur goldenen Kuppel des Felsendoms sehen. Ein schöner Effekt! Wir stiegen den Ölberg nun langsam einen extrem steilen Weg hinab und gelangten zum wunderschönen Garten Gethsemane, der Ort, an dem Jesus einen Tag vor seiner Kreuzigung gebetet und in Vorahnung seiner Festnahme „Blut geschwitzt“ haben soll. Die alten knorrigen Olivenbäume sollen teilweise fast eintausend Jahre alt sein! An den Garten angeschlossen befindet sich die römisch-katholische „Kirche aller Nationen“ oder, in Anlehnung an die biblische Geschichte, auch „Todesangstbasilika“ genannt. Die Kirche wurde zwischen 1919 und 1924 mit finanzieller Unterstützung aus zwölf Ländern erbaut (darunter Deutschland), wofür diese Länder zum Dank mit ihrem Wappen an der Kirchendecke verewigt wurden. Ein interessantes, farbenfrohes Interieur und – auf einmal – ein herzzerreißendes Schluchzen einer Touristin, die sich über den Stein beugte, an dem Jesus in Todesangst kurz vor seiner Verhaftung gebetet haben soll.

Als nächster Programmpunkt stand die Altstadt Jerusalems, genauer gesagt das Jüdische Viertel, auf dem Programm. Wir starteten zu Fuß aus vom Jaffator und liefen in den Basar hinein. Dieser wirkte mit den gelangweilten Verkäufern und den blankgeputzten Treppenstufen ein bisschen steril im Vergleich zu den orientalischen Märkten, die ich aus Marokko oder Syrien kannte. Ein Straßenschild jedoch erregte meine Aufmerksamkeit: Ein Verbotschild, mit dem E-Bike in den Basar hineinzufahren. Und tatsächlich konnten wir später in Jerusalem einige jüdische Bewohner, die man unschwer an Schläfenlocken und breitkrempigem, schwarzem Hut erkennen konnte, mit dem E-Bike durch die Gegend brausen sehen. Bei den vielen Hügeln ist es kein Wunder, dass sie auf elektrischen Antrieb setzen!

Ariel zeigte uns die Ausgrabungsreste des einstigen, tiefer als das heutige Jerusalem gelegenen Cardos, die Hauptstraße aus römisch-byzantinischer Zeit. Die steinernen Zeugen befinden sich teils im überdachten Basar, teils außerhalb. Vorbei an der Hurva-Synagoge ging es dann auch schon weiter in Richtung Klagemauer, Kotel genannt. Vorher musste allerdings noch eine Mittagspause eingelegt werden. Leider landeten wir an der wahnsinnig von Touristen überlaufenen „Fressmeile“ mit überteuertem israelischen Fast Food. Immerhin konnten meine Schwester und ich aber zumindest ein bisschen Ruhe finden, da wir uns nur einen Schritt weiter in eine Nebenstraße setzten und die Einheimischen beobachteten. Eine Horde Mädels kam uns entgegengelaufen, die schon – typisch jüdisch – knielange schwarze Röcke trugen. Später auf dem Vorplatz der Klagemauer konnten wir weitere jüdische Kleidungsvariationen beobachten: Männer ganz in Schwarz mit Schläfenlocken und Hut; Frauen teilweise mit Kopftuch oder gar mit Perücke. Wie Ariel uns erklärte, zeigen gläubige jüdische Frauen nach der Hochzeit ihr Haar nicht mehr öffentlich und verstecken es entweder unter einem Kopftuch oder rasieren es sich ab und tragen stattdessen eine Perücke. Jüdische Männer mit fetten braunen Pelzmützen (Schtreimel) und schwarzem Mantel wie ich sie in New York gesehen hatte, konnte ich hingegen an der Klagemauer nicht ausfindig machen und hatte sie nur einmal aus dem Busfenster heraus nahe des ultraorthodoxen Stadtviertels Mea Schearim gesehen. Der Schtreimel wird hauptsächlich von chassidischen Juden mit osteuropäischen Wurzeln getragen, von denen es heutzutage noch größere Gemeinden in Jerusalem und New York gibt. Doch zurück zur Klagemauer: Ich hätte es nicht gedacht, aber wir durften tatsächlich bis an die Mauer herangehen. Sie ist in einen (größeren) Abschnitt für Männer und einen (natürlich kleineren :-/) Abschnitt für Frauen unterteilt und kann 24 Stunden am Tag besucht werden. Es steckten wahnsinnig viele kleine Zettel in den Mauerritzen. Fallen sie raus oder werden es zu viele Zettel, so werden sie aufgesammelt und auf dem Ölberg „beerdigt“; wergwerfen darf man sie nicht. Vor der Mauer waren Plastikstühle aufgestellt, auf denen man sich mit einem der ausleihbaren religiösen Bücher hinsetzen und lesen oder beten konnte.

Die Davidstadt, der älteste besiedelte Teil Jerusalems, bildete den vorletzten Höhepunkt des Tages. Man hatte auf dem Gelände bereits Siedlungsspuren aus der Kupferzeit (4500-3500 v. Chr.) gefunden – benannt aber ist die Davidstadt nach König David, der etwa 1000 v. Chr. gelebt hatte und damals König von Israel gewesen war. Zunächst liefen wir zwischen den Ausgrabungen der Davidstadt umher und konnten auf den gegenüberliegenden palästinensischen Stadtteil Silwan von Ostjerusalem schauen, der auf dem Fundament von etwa 50 Felsgräbern erbaut worden war. Danach ging es hinab in den Hiskija-Tunnel, der seit der Antike Trinkwasser aus der Gihonquelle in den Teich von Siloah leitete und somit die Trinkwasserversorgung Jerusalems sicherstellte.

Nach einem kurzen Abendessen im Hotel in Bethlehem ging es abends erneut nach Jerusalem zum Rundgang „Jerusalem by Night“, bei dem wir zuerst durch die nahe des Jaffators gelegene Open-Air-Einkaufsmeile „Mamilla Mall“ schlenderten. Sie war eindeutig für eine junge, reiche Generation gebaut worden und soll das Nachtleben Jerusalems (das bis vor einigen Jahren quasi nicht existent gewesen sein muss) mit seinen schicken Geschäften, Cafés und Restaurants etwas aufpeppen. Makabererweise ist die Mall wohl teilweise auf dem Gelände des muslimischen Mamilla-Friedhofs errichtet worden. Vom Ende der Mall ging es wieder, wie schon tagsüber, zum Jaffator und durch den geschlossenen Basar hindurch bis zur Klagemauer. Danach drehten wir eine weitere Runde mit dem Bus zu einigen angestrahlten Sehenswürdigkeiten (Damaskustor, Parlament, genannt „Knesset“, einige Museen) und waren – ziemlich müde – danach froh wieder ins Hotel zu kommen und schlafen gehen zu können.

Am letzten Reisetag besuchten wir morgens eine Behinderteneinrichtung in Beit Jala bei Bethlehem, über die ich in meinem vorherigen Blogeintrag bereits berichtet habe. Danach standen weitere Highlights in Jerusalem auf dem Programm. Zunächst betraten wir durch das Löwentor die Via Dolorosa (lat. Leidensweg) , den Prozessionsweg Jesus‘, auf dem er das Kreuz durch Jerusalem getragen haben soll. Der Weg ist mit 14 Stationen markiert und über und über mit Touristen überlaufen. Man kann sich absurderweise an vielen Stellen entlang der Via Dolorosa ein Holzkreuz  sowie eine Dornenkrone ausleihen und den Kreuzweg Jesus‘ nach“spielen“. Ich möchte nicht wissen, was jeden Freitag bzw. an den Ostertagen für ein Gedränge herrscht, wenn die Prozession von vielen tausenden Gläubigen begangen wird… Entlang der Via Dolorosa findet man allen nur erdenklichen religiösen Kitsch: Ikonen, Kreuzketten, Lampen, Kerzen, aber auch jüdische Kippas und etc., die zumeist von arabischen Verkäufern verkauft werden. Die Krönung an Massentourismus war die Grabeskirche, die Kirche also, die über der Stelle errichtet ist, an der sich Jesus‘ Kreuzigungs- (Golgota) und Grabesstätte befunden haben soll. Ich weiß nicht wie viele tausende Menschen sich in dieser Kirche drängten und wie viele sich um die Ädikula (eine Art Grabüberbau) herumschlängelten, um an das Grab Jesus‘ heranzukommen. Ich fand es merkwürdig, dass man bei der Besichtigung der Klagemauer noch einmal durch einen Checkpoint hatte durchgehen müssen währenddessen beim Eintritt in die Grabeskirche weder Personen noch Taschen kontrolliert wurden. Die Grabeskirche stellt übrigens auch einen wahren Zankapfel der christlichen Konfessionen dar. Verschiedene Teile der Kirche sind unter sechs christlichen Denominationen aufgeteilt: armenisch-apostolisch, äthiopisch-orthodox, griechisch-orthodox, syrisch-orthodox, römisch-katholisch und koptisch (interessanterweise nicht protestantisch). Da sich die Konfessionen jedoch untereinander nicht einigen konnten, wer denn die Kirche auf- und zuschließt, haben sie den Schlüssel schon seit Jahrhunderten an eine muslimische Familie abgegeben wie dieser Beitrag von Deutschlandfunk Kultur sehr schön veranschaulicht.

Den Nachmittag hatten wir zur freien Verfügung und so machten meine Schwester und ich den Basar unsicher: Gewürze shoppen, arabische, siruptriefende Süßigkeiten ausprobieren und einen Mango-Granatapfel-Saft trinken – lecker, aber auch sehr teuer. Die Preise in Israel sind nämlich ziemlich hoch; so liegt das Niveau der Lebenshaltungskosten sogar um etwa ein Viertel höher als in Deutschland. Auch Mieten sind extrem teuer.

Der letzte Programmpunkt in Jerusalem war das so genannte „Gartengrab“, dessen Besichtigung uns Ariel vorschlug nachdem wir in der Grabeskirche vor lauter Touristenmassen nichts vom Grab Jesus‘ hatten sehen können. Die Gartenanlage mit einigen Grabstätten wird von anglikanischen und freikirchlichen Christen als die Grabesstelle Jesus‘ angesehen und so mussten wir, um sie zu sehen, zumindest ein bisschen Schlangestehen. Aber nichts im Vergleich mit der Grabeskirche!

Somit war unser Jerusalembesuch auch schon beendet. Klar, dass wir alles nur im Sauseschritt hatten sehen können; für einen ersten Eindruck aber hat es allemal gereicht. Bei einem nächsten Besuch warten auf jeden Fall noch zahlreiche weitere Sehenswürdigkeiten, Museen und interessante Stadtviertel auf einen.

Mal wieder in aller Herrgottsfrühe ging es am Dienstagmorgen mit dem Bus von Bethlehem zum Flughafen in Tel Aviv. Diesmal wurde nur eine Person aus unserer Gruppe und einer der Reisebegleiter zum „Verhör“ durch die israelischen Sicherheitskräfte zitiert, was diese aber mit Bravour meisterten. Vormittags kamen wir wieder im novembergrauen Berlin an – randvoll mit schönen, aber auch nachdenklich stimmenden Reiseerinnerungen, die erst einmal verdaut werden mussten. Es war u.a. wirklich eine Bildungsreise zu unseren westeuropäischen, (christlich-) kulturellen Wurzeln gewesen, von denen man zwar viele Namen und Begriffe (z. B. Jordan, See Genezareth, Golgata) irgendwie kennt, aber nie eine Vorstellung davon gehabt hat. Nun haben wir die Bilder und die Geschichten dahinter vor Augen.

In der Ferne über die eigene Geschichte lernen – Tour in Südtunesien

Mein einwöchiger Djerba-Aufenthalt neigte sich schon fast dem Ende entgegen, aber ein Highlight hatte ich noch vorgesehen: Eine Tour durch Südtunesien zusammen mit Professor Yamoun und Salim. Professor Yamoun ist Ingenieur und Kartograph und hat die auf Djerba an touristischen Orten stehenden Fliesenmosaike entworfen, die die Insel oder Ausschnitte der Insel als Karte zeigen. Seine Tochter, eine Filmemacherin, hatte einige Zeit in Deutschland gelebt und er hatte sie dort auch besucht, so dass er sogar ein bisschen Deutsch sprach. Trotz seiner 76 Jahre sprudelte er nur so über vor Ideen und Projekten und hatte immer etwas aus seinem Leben zu erzählen. Es sollte eine spannende, interessante und unterhaltsame Tour werden!

Um 6.30 Uhr holten mich Salim und der Professor mit einem klapprigen Jeep am Hotel ab und los ging’s über den Römerdamm, einem Staudamm aus Römerzeiten, der Djerba mit dem Kontinent verbindet,  Richtung südliches Festland. Kurz nachdem wir das Festland erreicht und in einer Salzwüste (Sebhet el Melah) eine kleine Fotopause eingelegt hatten, sprang der Motor des Jeeps nicht mehr an – die Batterie war alle. Nach mehrmaligen Anschiebversuchen hielt Salim ein vorbeikommendes Auto an, das uns half den Motor wieder zum Laufen zu bringen und wir die Fahrt fortsetzen konnten. In der nächsten größeren Stadt, Tataouine, fuhren wir bei einem befreundeten Zahnarzt vorbei, wo wir einfach so an den wartenden Patienten vorbei in das Büro des Arztes marschierten und herzlich begrüßt worden. Der Zahnarzt (dessen Name ich leider vergessen habe) erzählte uns ganz aufgekratzt, dass er nächste Woche zur Hochzeit seines Sohnes nach Heidelberg fliegen würde und sprudelte nur so über vor Freude und Herzlichkeit. Während Professor Yamoun einen Mechaniker für das Auto rufen ließ, spazierten Salim und ich durch die belebte Einkaufsstraße und den Suq (Markt) Tataouines. Ansonsten gab es in dem Ort nichts weiter zu sehen.

Nachdem das Auto wieder repariert war fuhren wir weiter nach Chenini, das erste von zwei Berberdörfern in den Bergen, das wir heute besuchen sollten. Von Weitem waren die Überreste des Dorfes – verfallene Wohnhöhlen und Speicher – auf dem Berg kaum zu erkennen, wohl aber die strahlend weiß leuchtende Moschee. Alle Bewohner waren mittlerweile aus der ehemaligen Siedlung auf dem Berg, die von einem Ksar, einer Art Burg bzw. Festung überwacht worden war, in eine neue Siedlung im Tal gezogen. Wir stapften den Berg bis zu einem Höhlenrestaurant und -hotel nach oben, wo wir erst einmal ein leichtes leckeres Mittagessen, nämlich Brik, tunesische Teigtaschen, einnahmen. Danach zeigte uns ein Bewohner des Ortes die auf dem Berg gelegenen Überreste des ehemaligen Dorfes. Oben auf dem Ksar angekommen hatten wir einen bombastischen 360°-Panoramablick in die Umgebung. Wir hatten Glück, dass es vor Kurzem etwas geregnet hatte, so dass die bizarren Wüsten- und Geröllberge überall grüne Tupfer aufwiesen.

Nach einem kurzen Abstecher zur Moschee der sieben Schläfer bzw. Riesen, deren überdiomensionierte Gräber im Moscheevorhof lagen, fuhren wir weiter zum zweiten Berberdorf des Tages, Douiret. Dort gab es ebenso ein Höhlenhotel samt Konferenzraum, ein Projekt, an dem Professor Yamoun mitgewirkt hatte, und erneut eine verfallene Berbersiedlung samt Ksar auf dem Berg. Die Landschaft erschien immer surrealistischer und erinnerte an Landschaften in Arizona, USA. Vor Urzeiten haben in dieser Gegend übrigens Dinosaurier gelebt. Leider war das zu diesem Thema eingerichtete Museum nahe Tataouine gerade im Umbau, aber zumindest konnten wir die Dinofigur entdecken, die irgendwer auf die Spitze eines Bergs gesetzt hatte und die man insbesondere in der Dämmerung schon von Weitem sehen konnte.

Auf der Fahrt zurück Richtung Tataouine entdeckten wir zudem einige Bunkeranlagen, die noch von den deutschen Soldaten unter Erwin Rommel im zweiten Weltkrieg errichtet worden und genauso unkaputtbar waren wie die Bunker, die ich an der Küste der Bretagne gesehen hatte als ich dort studiert hatte. Wir besuchten noch das „Hôtel Sangho“, in dessen Lobby sich eine kleine Ausstellung mit Fotos und Karten vom Nordafrikafeldzug Rommels befand und in der ebenso die Rolle der tunesischen Soldaten dargestellt wurde. Es war v. a. deswegen interessant für mich, weil mein Opa damals unter Rommel in Libyen stationiert gewesen war, ich ihn aber, da er bereits vor vielen Jahren gestorben ist, nicht mehr dazu befragen kann.

Kurz vor Sonnenuntergang absolvierten wir noch zwei Stippvisiten am Ksar Hadada und einer anderen Speicherburg, deren Name mir leider entfallen ist. Diese bienenwabenartig aussehenden Speicherburgen dienten früher dazu, um Lebensmittel zu speichern (ein Speicherraum wird „ghorfa“ genannt). Heute stehen sie leer oder werden, wie im Fall des Ksar Hadada, zu einem Hotel umgebaut. Aber auch als Filmkulisse kamen die stillgelegten Speicherburgen schon zum Einsatz, so in der ersten Episode von „Star Wars“. Witzigerweise heißt auch die Heimat Anakin und Luke Skywalkers im Film „Tatooine“ angelehnt an die südtunesische Stadt „Tataouine“. Bevor die Sonne dann endgültig hinter dem Horizont versank, kauften wir uns noch einen supersüßen Snack, genannt „Basbusa“, auf die Hand und sollten dann erst wieder zu später Stunde bei Medenine zu Abend essen bevor es über den Römerdamm zurück nach Djerba ging. Wir tankten an einer von zahlreichen illegalen libyschen Tankstellen am Straßenrand, die eigentlich nur aus (illegal über die Grenze geschmuggelten) nebeneinander aufgereihten Benzinkanistern und einem Gestell aus einem aufgeschnittenen Benzinkanister besteht, der mit einem Schlauch verbunden ist. In den aufgeschnittenen Benzinkanister kippt der Tankwart, meist ein libyscher Jugendlicher, das Benzin und über den Schlauch gelangt es in den Tank des Autos. Beim Essen im Restaurant konnten wir überall fette, teure Autos der Libyer sehen, die bei den Tunesiern wegen des Erdöls zwar als reich gelten, die jedoch aufgrund der chaotischen Zustände in ihrem Land scharenweise nach Tunesien rüberkommen, um dort essen zu gehen und einzukaufen. In meinem Hotel in Houmt-Souk erzählten sie mir, dass die Libyer insbesondere zu Ramadan ganz Djerba einnehmen und alle Vorräte aufkaufen, weil in ihrem Land keine regelmäßige Nahrungsversorgung gesichert sei.

Gegen Mitternacht trafen wir drei müde und geschafft, aber vollkommen zufrieden mit der gelungenen Tour wieder in Houmt Souk ein. Die Bilder sprechen für sich!

New York, New York

Letzte Reisestation auf dem amerikanischen Kontinent: New York. Nachdem ich nun innerhalb eines Jahres Mittelamerika bzw. die Karibik (DomRep & Kuba), sowie Südamerika mit Peru abgeklappert hatte, fehlte noch ein Ausflug nach Nordamerika. Ich nahm mir eine ganze Woche Zeit, um „Big Apple“ kennenzulernen, wobei diese Woche bei Weitem nicht ausreichte. Aber für einen ersten Eindruck insbesondere von Manhattan, Brooklyn und Staten Island reichte es allemal aus.

Den ersten Tag in Manhattan lief ich wie ein aufgescheuchtes Huhn mit dem Kopf im Nacken umher, um die Wolkenkratzer an jeder Ecke bestaunen zu können. Und dann diese Menschenmassen, die sich durch die Häuserschluchten wälzten – Wahnsinn! Und diese U-Bahn, die mich sehr an die Pariser Metro erinnerte, so alt wie sie war, die aber auch um einiges lauter und heißer war als die U-Bahn in Paris. Mit meinem Gepäck unterwegs schwitzte ich mich jedenfalls fast zu Tode. Nachdem sich die erste Überforderung gelegt hatte, nahm ich mir einige Museen und Sehenswürdigkeiten Manhattans vor: Empire State Building, auf das ich nachts hinauffuhr und somit einen beeindruckenden Blick über das Lichtermeer New Yorks bekam, Metropolitan Museum of Art mit Kunst aus allen Regionen der Welt, Museum of Modern Art (MOMA), wo ich wie hunderte andere den freien Eintritt am Freitagnachmittag nutzte, das kostenlose National Museum of the American Indian, etc. Natürlich ging ich ganz viel spazieren und passierte Orte, die man meist aus Filmen oder anderen Medien kennt: Times Square, Central Park, Broadway, Wall Street, Christopher Street (bekannt für den Christopher Street Day), Cornelia Street, … Moment, Cornelia Street? Ja, ganz recht, ich habe eine eigene Straße in New York! Nicht schlecht, oder? 😉 Der Name geht auf eine gewisse Cornelia Herring zurück, die die Enkelin des Dichters Robert Herring gewesen war. Neben den bekannten Straßen ist Manhattan auch in viele kleinere Distrikte unterteilt, von denen man irgendwie auch schon einmal gehört hat. So grenzen beispielsweise Chinatown und Little Italy direkt aneinander an.

Ein weiteres Chinatown gab es auch ganz im Süden von Brooklyn, wo ich über AirBnB ein vergleichsweise günstiges Hostel gefunden hatte. Dort stand teilweise alles nur auf Chinesisch da und auch wenn ich dort mal jemanden nach dem Weg fragte, so konnten die chinesischstämmigen Amerikaner oft gar kein Englisch…

Mehr im Norden Brooklyns (Bushwick, Williamsburg) sah es ziemlich hippstermäßig aus und manche Straßen und auch die Menschen darin hätte man locker mit Berlin austauschen können und hätte keinen Unterschied gemerkt. So waren z. B. hier wie in Berlin viele Cafés in ehemaligen Fabrikhäusern zu finden mit unverputzten Wänden und Hippstern mit Vollbart und hochgekrempelten Hosen, die sich hinter ihrem Laptop vergruben.

Für mich komplett neu war das jüdische Viertel: Auch hier stand fast alles nur auf Hebräisch da und ich sah zum ersten Mal v.a. Männer in der traditionellen jüdischen Kleidung: schwarze Mäntel, Schläfenlocken, runde Pelzmütze bzw. Kippa. Als ich einmal in der Dämmerung durch dieses Viertel lief und mir nur traditionell jüdisch gekleidete Einwohner entgegen kamen, fühlte ich mich wie in einem Film ins 19. Jahrhundert zurückversetzt.

Den dritten Stadtteil New Yorks, den ich kennenlernte, war ein kleiner Teil von Staten Island, wo ich mit der kostenlosen Staten Island Ferry hinfuhr und während der Fahrt auch noch einen Blick auf die Freiheitsstatue erhaschen konnte. Der eigentliche Ausflug dorthin hätte, wie so viele Sehenswürdigkeiten und Museen, um die 20 Dollar gekostet, doch das habe ich mir dann aus Budgetgründen geklemmt.

Mehr will ich zu New York auch gar nicht schreiben, denn ich finde, die Bilder sprechen bereits für sich und es bleibt mir auf jeden Fall noch genug „übrig“, um der Stadt irgendwann wieder einmal einen Besuch abstatten zu können.

Das afro-peruanische Erbe in Chincha und El Carmen

Bevor ich von den Anden wieder zurück an die Küste nach Lima fuhr, legte ich noch einen Zwischenstopp in Chincha ein. Chincha ist eine relativ nichtssagende Küstenstadt mit etwa 194.000 Einwohnern, die nördlich von Nazca liegt, wo Ly und ich am Anfang unserer Perureise einen Rundflug über die Nazca-Linien unternommen hatten. Ja, fast nichtssagend, wenn da nicht dieses eine interessante Detail gewesen wäre: Chincha ist die Hochburg der afro-peruanischen Kultur. Afro-Peruaner, also Peruaner mit afrikanischen Wurzeln, deren Vorfahren als Sklaven nach Peru gekommen waren, machen zusammen mit asiatischstämmigen (z. B. japanischstämmigen) und anderen Immigranten nur etwa 3 % der Gesamtbevölkerung (30,4 Mio.) aus. In Chincha ist dieser afrikanische Einfluss an jeder Ecke zu sehen: Restaurantschilder mit Schwarzen drauf, die für kreolisches Essen (comida criolla) werben, schwarze Puppen, die als Souvenirs verkauft werden, ein Denkmal für eine afro-peruanische Musikband mit dem typischen Cajón-Spieler (cajón = eigentlich span. für Kiste, Schublade, hier: Kistentrommel), etc. Und natürlich sieht man auch mehr schwarze Peruaner in der Straße als sonst an den Orten, wo ich bisher in Peru gewesen war.

Vom Zentrum Chinchas nahm ich einen Minibus und fuhr in das etwas außerhalb liegende Dörfchen El Carmen, wo einen bereits am Eingangsbogen an der Abbiegung von der Hauptstraße Wandmalereien mit bekannten afro-peruanischen Persönlichkeiten begrüßten. Ich ließ mich an der Casa-Hacienda San José absetzten, eine ehemalige Sklavenplantage, deren Hazienda heute zu einem Hotel umgebaut worden ist. Dort konnte ich eine interessante, aber leider viel zu kurze Führung durch die ehemaligen Wohnräume der spanischen Hazienda-Besitzer, die barocke Kapelle und die Katakomben machen, in denen die Sklaven manchmal zur Bestrafung in völliger Dunkelheit eingesperrt worden waren. Die zwischenzeitlich bis zu 1.000 Sklaven hatten auf den Zuckerrohr- und später auch Baumwollplantagen schuften müssen. Obwohl 1854 die Sklaverei in Peru abgeschafft worden war, arbeiteten viele der Sklaven weiterhin auf den Plantagen, was mich an die Geschichte Sansibars erinnerte, wo auch weiterhin Handel mit Sklaven getrieben wurde, obwohl die Sklaverei offiziell 1875 abgeschafft worden war. Die meisten der Sklaven, die nach Peru gebracht worden, stammten übrigens aus Westafrika. Oftmals waren sie erst bis Kuba, Hispaniola, Mexiko (Veracruz) oder Kolumbien (Cartagena de Indias) transportiert worden bevor man sie weiter nach Panama oder Peru verteilte.

Nach dieser kurzen Stippvisite in Chincha fuhr ich schließlich mit dem Bus weiter nach Lima, wo ich meine Perureise, zumindest für dieses Mal, mit einem Weiterflug nach New York beenden würde. Ich werde auf jeden Fall wiederkommen; bietet das Land in seinen immensen Dimensionen doch so viel, was man lernen und was man sich anschauen kann! In diesem Sinne: ¡Adiós, Perú!

Machu Picchu – „Mystical Experience“ und Selfie-Stick-Terror

Dienstag, 6. September 2016: Es ist soweit! Heute würden wir der Inkastätte Machu Picchu aus dem 15. Jahrhundert einen Besuch abstatten. Schon auf der Zugfahrt mit „Inca Rail“ hatte man uns ja eine „Mystical Experience“, also ein mystisches Erlebnis, versprochen und das musste doch nun überprüft werden! Alles andere als mystisch war zunächst der vom Rest der Außenwelt abgeschnittene und nur per Zug erreichbare Ort Aguas Calientes, in dem wir die Nacht vorher übernachtet hatten: touristenüberlaufen, vollgestopft mit Touristenrestaurants und Hotels, völlig überzogene Preise – das konnte auch die schöne Lage tief in den Bergen nicht wett machen.

Um Aguas Calientes, diesem surrealen Ort, zu entkommen nahmen wir also Dienstagmorgen den völlig überteuerten Bus hoch bis an den Eingang zu Machu Picchu. Der Einlass war gut organisiert und schnell abgewickelt (wir hatten die Tickets bereits vorher online gekauft), so dass wir bald am ersten Aussichtspunkt standen und Machu Picchu betrachten konnten. Was soll ich sagen? Es war wirklich grandios und beeindruckend die Anlage im Morgennebel vor sich zu sehen. Einzig die Touristenmassen um uns herum, die wir belustigt-schockiert beobachteten , störten die „mystische“ Atmosphäre etwas. Ich glaube, die Wahrscheinlichkeit am Machu Picchu von einem Selfie-Stick erschlagen zu werden, war ziemlich hoch und eine nicht von der Hand zu weisende Gefahr. 😉

In unserem Online-Ticket war ein Aufstieg zu einem der beiden Berge, die Machu Picchu umgeben, inklusive. Wir hatten uns für Montaña Machu Picchu entschieden , zu dem der Einlass tatsächlich an einem weiteren Eingangstor kontrolliert und reguliert wurde. Wir stiegen Stufe um Stufe empor und konnten „MaPi“ bald umgeben von grüner Tropenvegetation aus der Vogelperspektive betrachten. Man konnte so nun auch einen Eindruck seiner besonderen Lage bekommen: auf einem Bergrücken (2.430 m hoch) gelegen umgeben von weiteren Bergen und zu Füßen das Heilige Tal mit dem Río Urubamba, der sich mäanderförmig um die Berge herumschlängelte. Echt faszinierend! Weniger faszinierend war hingegen der treppenreiche Aufstieg, der sich fast zwei Stunden hinzog und kein Ende zu nehmen schien. Als wir endlich fix und fertig und völlig verschwitzt auf dem Gipfel ankamen, empfingen uns bereits überall herumsitzende Touristen und Aufseher, die darauf achteten, dass man sich nicht zu nah an den Abgrund setzte.

Der Abstieg ging natürlich deutlich schneller und wir freuten uns darauf uns einfach nur auf eine Wiese setzen, die Schuhe lüften und etwas essen zu können. Ein paar vorbeikommende Schicki-Micki-Touristen in blitzblank weißen Turnschuhen und den neuesten Wanderklamotten in Neonfarben sahen uns etwas unverständlich an, fragten sie sich doch sicher, wie man beim Besuch des Machu Picchu so ins Schwitzen geraten könne und zudem so viel laufen könne, dass man danach die Schuhe ausziehen müsse. Vielen, die Machu Picchu im Rahmen einer Pauschalreise besuchen, ist es nämlich gar nicht bekannt, dass man neben der eigentlichen Anlage auch noch die Berge drumherum, sowie einige weitere Aussichtspunkte (z. B. Puesto de Vigilancia) ansteuern kann. Die meisten halten sich auch nur zwei bis drei Stunden in der Inkastätte auf und folgen dem mit Pfeilen markierten, touristengerechten Weg durch die alten Mauern hindurch. Das taten wir natürlich auch noch, ließen uns aber viel Zeit damit. Insgesamt verbrachten etwa sieben Stunde in „MaPi“! Bei der Besichtigung war es gar nicht so wichtig die historischen Hintergründe zu kennen – es gab auch keinerlei Erklärtafeln dazu. Man hätte sich dafür einen der Guides am Eingang mieten müssen. Grob gesagt, galt die vom neunten Inka Pachacutec (siehe Cuzco) designte Anlage als politisches, religiöses und administratives Zentrum und sollte Cuzco mit dem Dschungel verbinden. Es führen insgesamt acht verschiedene Wege zu Machu Picchu und man hätte z. B. im Rahmen einer viertägigen Inka-Trail-Tour durch das Heilige Tal hindurch bis zu „MaPi“ wandern können. Das hoben wir uns allerdings für das nächste Mal auf; der Aufstieg zu Montaña Machu Picchu hatte für diesen Tag völlig gereicht!

Unter diesem Link kann man sich übrigens den Reisebericht und Fotos des US-amerikanischen Historikers Hiram Bingham anschauen, der 1911 als erster Westler Machu Picchu „entdeckte“; die indigene Quechua-sprechende Bevölkerung vor Ort hatte die Inkastätte natürlich bereits vorher gekannt.

Nach diesem ausführlichen Rundgang auf dem Machu-Picchu-Gelände machten wir uns an den Abstieg zurück ins Tal nach Aguas Calientes, wo wir noch am selben Abend den Zug nach Ollantaytambo nehmen würden. Beim Abstieg merkte ich wie gut es gewesen war, dass wir morgens den Bus nach oben genommen hatten: weitere hunderte von Stufen. Unten im Tal angekommen konnte ich kaum mehr laufen und war einfach nur froh, als wir endlich im Zug saßen.

Letzte Eindrücke von der Insel & Abschlussbericht

Ja, liebe Blogleser/innen, wie ihr seht, war mein Blog in den letzten Monaten ziemlich verweist und das aus gutem Grund: Ich war nach meinem Freiwilligenjahr in der Dominikanischen Republik noch gut sechs Wochen auf Reisen und habe mir Peru und New York angeschaut. Dazu werden in den nächsten Tagen auch Berichte und tausende von Fotos (nein, nein, keine Angst, ich werde eine Auswahl treffen!) folgen. Doch zunächst gibt es an dieser Stelle noch ein paar Impressionen meiner letzten Wochen in der DomRep, in denen ich mit meiner Gastfamilie Ausflüge unternommen, Freunde besucht, mich mit den anderen Freiwilligen getroffen und noch die ein oder andere neue Sehenswürdigkeit entdeckt habe. Zudem haben meine Mitfreiwillige Sarah und ich noch eine Abschlusspräsentation vor den Plan-Yaque-Kollegen gehalten. Also, Vorhang auf!

Und zu guter Letzt könnt ihr euch hier noch den Abschlussbericht zu meinem Freiwilligenjahr 2015-16 in der DomRep durchlesen:

Abschlussbericht

Santiago de Cuba – Es lebe das afrokubanische Erbe!

Ich hatte im Vorfeld zu Santiago de Cuba gelesen, dass die Stadt einen starken französischen und einen starken afrikanischen Einfluss aufweist. Und ja, den „afrikanischen“ Einfluss konnte ich bei meiner Ankunft sogleich bestätigen, denn die Temperaturen waren sicherlich noch einmal um mindestens 5°C angestiegen und die Sonne brannte bestialisch vom Himmel herunter. An einem Tag las ich auf einer Temperaturanzeige 42°C!

Aber der eigentliche historische Hintergrund für den afrikanischen und französischen Einfluss im Süden Kubas liegt auf der Nachbarinsel Hispaniola, genauer gesagt im heutigen Haiti. Haiti, damals Saint Domingue, war mit der ersten französischen Siedlung Cap-Haïtien 1670 von den Franzosen kolonialisiert worden und große Waldflächen wurden gerodet, um Zuckerrohr, Kaffee, etc. anzubauen. Die ganze Arbeit basierte auf Sklaven, die größtenteils aus Westafrika importiert worden waren nachdem die indigene Bevölkerung der Tainos ausgerottet worden war und nicht mehr als Arbeitskräfte dienen konnte. Im Zuge der Französischen Revolution Jahr zettelte 1791 ein Teil der Sklaven einen Aufstand an, in dessen Zuge die französischen Kolonialherren mit ihren Familien und Sklaven die Insel verließen, ins nahegelegene Kuba flohen und sich dort im Süden niederließen. So wurde beispielsweise der Kaffeeanbau in Südkuba eingeführt und ersetzte nach und nach einen Teil des Kakaoanbaus. In Südkuba findet man so immer noch viele Familien mit französisch klingenden Familiennamen und in der Architektur Santiagos zeigt sich der französische Einfluss wohl noch an den Häusern mit Holzbalkons, die so auch in Louisiana (USA) zu finden sind, wohin viele französischen Siedler nach ihrer Station in Kuba auswanderten. Zudem fiel mir im Süden tatsächlich auf, dass es mehr schwarze Einwohner als im Norden und in der Mitte gibt (ähnlich wie auch in der DomRep).

Der Riesenunterschied zur DomRep ist jedoch, dass die Kubaner stolz auf ihre afrikanischen Wurzeln sind und dies auch zeigen und zelebrieren. So fand, als ich gerade in Santiago war, das Festival „Fiesta del Fuego“ (Fest des Feuers) statt, das von der „Casa del Caribe“ (Haus der Karibik) jedes Jahr im Juli organisiert wird und das das afroamerikanische Erbe feiert. Jedes Jahr gibt es einen Länderschwerpunkt, dieses Jahr Ecuador, und zudem Tanz- und Folkloregruppen aus anderen Karibik- oder südamerikanischen Staaten, die für Vorführungen eingeladen werden. Einen wichtigen Programmpunkt bildeten zudem Vorträge, Konferenzen und Ausstellungen, die in verschiedenen, meist historischen, Gebäuden der Stadt stattfanden. So setzte ich mich an zwei Tagen in eine Konferenz zum Thema „‚Das Französische‘ in Kuba und der Karibik“ im Casa Dranguet, einem Zentrum für die Deutung des Kulturerbes der Kaffeeanbauer (Centro para la interpretación del Patrimonio Cafetalero), das neben Recherchearbeit auch Projekte mit den Gemeinden vor Ort durchführt, wo z. B. eine ehemalige französische Kaffeefarm wieder restauriert und für Touristen zugänglich gemacht wird. Es gab des Weiteren interessante Vorträge zu den verschiedenen Aspekten und Strömungen afrokubanischer Religionen und Kulte, doch aufgrund der Komplexität dieses Themas konnte ich den Erklärungen und den hunderten von afrikanischen Götternamen nicht folgen. Inmitten des Vortrags wurden wir auf einmal auf die Terrasse gerufen, um einem Ritual, wahrscheinlich einer Art Gebet, einer eingeladenen afrokubanischen Gruppe beizuwohnen. Alle waren ganz in weiß gekleidet, so wie man es in Kuba öfter auch bei Leuten auf der Straße sehen kann, standen in einem Kreis und dann ging es mit Gesängen, Klatschen, rhythmischem Fußstampfen und Tanzen los, wie ihr hier in den Videos sehen könnt: