Iran-Etappe 6: Teheran, der Moloch am Fuße des Elburs‘

Gegen Teheran mutet Berlin fast wie ein Dorf an – so weist die iranische Hauptstadt etwa 15 Mio. Einwohner (Großraum Teheran) auf und so ist man 2-3 Stunden von Süd nach Nord bzw. Ost nach West mit Bus oder Auto unterwegs und befindet sich immer noch in der Stadt! Wahnsinn! Auch der Verkehr und die Luftverschmutzung sind dementsprechend wahnsinnig; es kam mir noch nie so gefährlich vor eine Straße zu überqueren wie in Teheran! Auch unser Ankunftstag entpuppte sich als nicht ganz ungefährlich: Ein Sandsturm zog, wie bereits einige Tage zuvor, durch die Stadt und fegte so Einiges (z.B. Satellitenschüsseln) von den Dächern herunter. Zum Glück jedoch ist niemanden aus unserer Gruppe etwas passiert!

Teheran hatte trotz der Menschenmassen, des Smogs und des Verkehrslärms auch ein paar schöne Ecken bieten, die wir innerhalb der nächsten Woche entdecken sollten: So besichtigten wir z. B.  am ersten Tag den Golestanpalast, einst Regierungssitz der Qadjarendynastie (1779-1925), der sich in Laufweite unseres Hotels befand. Man konnte sehen, dass der letzte Shah in seinem Modernisierungswahn auch vor dem alten, traditionellen Kern Teherans nicht Halt gemacht hatte: Direkt hinter dem Palast ragten „moderne“, klotzartige Verwaltungsgebäude empor. In einer Führung durch den alten Stadtkern Teherans am nächsten Tag sollten wir auch nur noch vereinzelt Zeugnisse an den Häuserfassaden finden, die auf die kulturelle und architektonische Blütezeit der Stadt Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts verwiesen: So soll es in der Ferdowsi-Straße vor der Islamischen Republik einst etwa 100 Kinos gegeben haben! Wir sahen ein Kino von außen, zu dem uns erklärt wurde, dass es von den Vertretern des neuen Regimes (Islamische Republik) in der Revolutionszeit angezündet worden war, weil es „schädlichen westlichen Einfluss“ in den Iran bringe… Von dort aus bogen wir in die „Berlan Alley“ (also „Berlin Alley“) ein und standen bald an der deutschen Botschaft, vor der sich eine lange Schlange ausreisewilliger Iraner angesammelt hatte. Deutschland steht als Immigrationsland an erster Stelle und viele Iraner versuchen dort einen Studienplatz zu bekommen. Die Mittagspause verbrachten wir im „Naderi“-Café, einem Relikt aus Shahzeiten, das ein Künstler- und Intellektuellen-Treffpunkt gewesen war und dessen betagte Kellner auch noch aus dieser Zeit stammen 😉 Dort, wie auch in vielen anderen Cafés und Restaurants Teherans, konnte man eine gewisse Nostalgie nach dem Teheran der Shahzeit nachspüren: Überall an den Wänden hingen Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dieser Zeit und Sören zeigte uns passend dazu ein nostalgisches Musikvideo.

Teheran weist ein starkes Nord-Süd-Gefälle auf und das nicht nur geografisch, sondern auch stadtsoziologisch: Der Süden gilt als ärmer, der Norden als reicher Teil der Stadt, in dem auch die Lust besser und das Wasser sauberer ist, da dieser Teil näher an den Bergen liegt. Im Norden statteten wir dem Bazar, sowie dem Kinomuseum mit seinem herrlichen Garten und dem fancy Café einen Besuch ab. Das erste Lied, das wir beim Betreten des Cafés hörten, war „Happy“ von Pharrell Williams, zu dem iranische Jugendliche ein Musikvideo nachgedreht hatten und dafür im Gefängnis gelandet waren, weil es gegen die öffentliche Moral verstieß …

Am Abend fuhren wir weiter an den Fuß der Berge, einem beliebten Ausflugsziel auch bei Iranern, um dem Stadtmief zu entkommen. Restaurant um Restaurant und Verkaufsstand an Verkaufsstand säumten den Weg nach oben und gaben v.a. abends mit schöner Beleuchtung einen tolles Bild ab.

In den folgenden Tagen besuchten wir noch den riesigen Friedhof Behesht-e Zahra im Süden Teherans, in dem eine große Partie den Gefallenen des Iran-Irak-Kriegs gewidmet ist und man auf Schritt und Tritt von schauerlichen Kriegsgesängen aus den Lautsprechern begleitet wird. Auf diesem Friedhof hatte Khomeini 1979, als er aus dem französischen Exil zurückkehrte und die Islamische Revolution in Gang setzte, seine berühmte Rede gehalten. In der Nähe des Friedhofs befindet sich zudem noch das Mausoleum Khomeinis. Sein Grab ist erstaunlich schlicht gehalten (denn er wollte ja auch immer volksnah sein), aber bei der Infrastruktur drumherum würde sich Khomeini wahrscheinlich im Grabe rumdrehen: Eine hässliche, moderne Einkaufsmall mit Fast-Food-Restaurants und kitschigen Souvenirläden für die Pilger. Und es wird fleißig weiter gebaut! Ich möchte nicht wissen, wieviel das alles kostet!

Nachdem wir in Yazd ja bereits Bekanntschaft mit dem Zoroastrismus gemacht hatten, bat Teheran die Gelegenheit sich mit zwei weiteren monotheistischen Religionen im Land auseinanderzusetzen. Wir besuchten Sonntags einen armenisch-orthodoxen Gottesdienst und Dienstag in aller Herrgottsfrühe eine Synagoge zum Morgengebet. Vor allem Letzteres war unglaublich spannend für mich, da ich noch nie bei einem jüdischen Gottesdienst dabei gewesen war. Wir hatten danach auch noch Zeit uns mit den Gemeindemitgliedern beim Frühstück (Fisch & Coca Cola) zu unterhalten und mehr über die jüdische Gemeinde im Iran zu erfahren. So gibt es, wie auch für die Zoroastrier und die Christen, gesonderte Schulen für jüdische Kinder. Anders als in Deutschland war die Synagoge außen auch nicht überwacht und uns wurde versichert, dass man sich auf der Straße offen als Jude zeigen könne (als Mann mit Kippa) und keine Probleme hätte. Angesprochen auf das schwierige Verhältnis zwischen Iran und Israel betonte Einer aus der Gemeinde, dass sie als jüdische Iraner unpolitisch seien und sich nicht für den Staat Israel interessierten. Im Laufe des Gesprächs stellte sich jedoch heraus, das viele Gemeindemitglieder familiäre Beziehungen nach Israel haben und einer oft mit seinem Bruder auf Hebräisch skypte und sich auch mit einigen aus unserer Gruppe auf Hebräisch unterhalten konnte. Hier tat sich also ein vielschichtiges Religionsmosaik vor unseren Augen auf!

Neben den Gesprächspartnern in den Religionsgemeinschaften hatten wir viele weitere interessante Gesprächsrunden z. B. mit dem deutschen Geschäftsführer der AHK Iran, der iranischen Leiterin des „Arian Kulturhaus“, einem deutschen Kulturinstitut („Arian“ wird im Iran nicht als ein negativ besetzter Begriff aufgefasst, sondern meint „iranisch“), sowie einem Professeur der Teheraner Uni, der uns die Geopolitik Irans näherbrachte. Neben diesen differenzierten Einblicken gab es auch Regimepropaganda vom Feinsten: Wir hatten die Gelegenheit die ehemalige US-Botschaft zu besichtigen, in der 1979 bis 1981  52 US-amerikanische Geiseln von iranischen Studenten festgehalten worden waren (hierzu gab es vor Kurzem den Film „Argo„). Die anti-amerikanische Ausstellung im Innern zeigte die USA im schlechtestmöglichen Licht , auch wenn die meisten Exponate recht zusammengebastelt aussahen. Die ausgestellten Spionagemaschinen erinnerten mich stark an eine Ausstellung zu Stasi-Abhörmethoden, die ich einmal in Leipzig  in der „Runden Ecke“ gesehen hatte. Auch im Foltermuseum, einem ehemaligen Foltergefängnis aus der Shahzeit, war viel gebastelt und Blut auf die Ausstellungspuppen aufgemalt worden. Trotz der recht einseitigen Darstellung war es erschreckend die Foltermethoden erläutert zu bekommen und die Gefängniszellen zu sehen. Natürlich durften wir hier keinerlei kritische Fragen nach den derzeitigen Foltergefängnissen im Iran stellen und mussten unsere Fragen herunterschlucken …

Nach einer ganzen Woche Teheran ging es für mich dann weiter nach Istanbul, wo ich noch drei Tage verbrachte und mich langsam wieder gen Westen vortastete. Doch dazu mehr im nächsten Beitrag!

 

 

Ein Gedanke zu “Iran-Etappe 6: Teheran, der Moloch am Fuße des Elburs‘

  1. Pingback: Immer wieder Santo Domingo | Connys Weblog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s