Im Bann der Gewürzinsel

Da aller guten Dinge drei sind, führte mich mein Jahresendurlaub (mal wieder) auf die Gewürzinsel alias Sansibar. Ich hatte mir fest vorgenommen, Silvester diesmal nicht umgeben von grauem Schneematsch, Minusgraden und lauten Böllern zu verbringen, sondern in die Wärme zu entfliehen. Maki war bereits ein paar Tage vor mir auch nach Sansibar gereist und so trafen wir uns vor Ort wieder. Wir entschlossen uns zusammen mit ein paar Leuten aus der Salsagruppe zur Silvesterparty in den Nordwesten der Insel, zum „Kendwa Rocks“ zu fahren. So weit, so gut. Die Organisation am 31.12. lief dann herrlich sansibarisch ab: Wir verabredeten uns 21 Uhr am Forodhani Park, um nach Kendwa zu fahren (Fahrtzeit etwa 1 Stunde). Da Maki, die mit mir zusammen in der Gastfamilie wohnte, erst spät nach Hause gekommen war, trafen wir am vereinbarten Treffpunkt erst 22 Uhr ein, was aber auch niemanden zu stören schien. Zumal unser Fahrer, einer aus der Salsagruppe, der ein Auto hat, auch noch nicht da war. Tja, wir fuhren schließlich kurz vor 23 Uhr los und ich prophezeite bereits, dass wir NIE pünktlich zum Feuerwerk in Kendwa sein würden. Aber welch Wunder (ich frage mich, wie dann doch immer alles klappt…) – wir trafen genau mit dem Einsetzen des Feuerwerks um Mitternacht ein! Leider habe ich das Video, das ich mit meinem Handy aufgenommen habe, nicht mehr gespeichert, so dass ihr euch die Strandparty mit Feuerwerk selbst ausmalen müsst. Es waren wahnsinnig viele Leute da, natürlich mehrheitlich Wazungu, und es wurde an jeder Ecke getanzt, gekifft und getrunken 😉 Aber allein die Tatsache draußen direkt auf dem Strand am Meer zu feiern, entschädigte für die etwas unberechenbaren Menschenmassen!

Nach Silvester unternahm ich dann einige Ausflüge auf der Insel, zu Orten, die ich bisher noch nicht besichtigt hatte (ja, auch die gibt es!). So schaute ich mir endlich einmal den Jozani Forest an, der letzte klägliche Rest Regenwald, der heute noch auf Sansibar übriggeblieben ist. Früher muss wohl die ganze Insel so ausgesehen haben (siehe Fotos unten), aber für den Gewürzanbau waren die meisten Waldflächen im 19. Jahrhundert gerodet worden. Im Jozani Forest gibt es den so genannten Red Colobus Monkey, eine endemische Affenspezies, die nur noch auf Sansibar zu finden ist. Im Wald kann man nur mit einem Führer herumlaufen, was aber den großen Vorteil hat, dass er einen direkt bis zu den Affen bringt, die wir dann direkt vor der Nase hatten und beobachten konnten. Wir stapften danach einen Rundweg entlang durch den Dschungel und fuhren im Anschluss in den gegenüberliegenden Teil des Waldes, der über und über mit Mangroven bewachsen ist. Das Wasser drumherum speist sich direkt aus dem Meer, so dass man die Gezeitenwechsel gut beobachten kann.

Mit Ayda und Maki unternahm ich zudem einen Ausflug an die Nordostküste nach Mchangani, wo wir eigentllich Schnorcheln gehen wollten, was wir aber aufgrund des starken Windes (es war gerade die Zeit des Kaskazi-Monsuns) leider absagen mussten. Das Hotel, in dem wir untergebracht waren, entpuppte als sich mehr als kurios: Als wir dort abends eintrafen, war kein Personal da, und Mwinyi, der Tourguide, der es uns vermittelt hatte, musste erst einmal in der Küche suchen, bis er einen Ansprechpartner fand. Es hieß, die slowakische Managerin hätte vor Kurzem die Insel verlassen, und so organisiere sich momentan das Küchen- und Putzpersonal selber. Wir erhielten zum Glück trotzdem ein Zimmer und unerwarteterweise ein üppiges Abendbrot und auch am nächsten Morgen ein riesiges Frühstück. Dadurch, dass es sich nicht um ein Hotel im Ressortstil, sondern mehr im „Local Style“ handelte, hatten wir auch keine nervigen Souvenirverkäufer am Hotelstrand, sondern nur einheimische Fischer und Frauen, die jeden Tag den Seetang sammeln, der dann weiterverkauft und weiterverarbeitet wird. Am nächsten Morgen machten wir einen Strandspaziergang vorbei an den ganzen Ressorthotels und sahen die Auswirkungen des Massentourismus in aller Deutlichkeit: Nervige Souvenirverkäufer, oftmals Massai, die vor den großen Ressorthotels auf die Wazungu-Touristen warteten und überall Beachboys im Rastafari-Look. Und ich sah etwas, das ich bisher nur aus dem Film „Paradies Liebe“ (ein erschreckend realer Film über Sextourismus in Kenia) kannte: Am Strand vor dem Hotel war eine Linie im Sand gezogen, über die die Souvenirverkäufer nicht treten durften, da sie sonst wohl in das Privatgelände des Hotel eindringen würden. D. h. vor dieser Linie sammelte sich eine große Menschentraube von wartenden Strandverkäufern und ab und zu näherte sich einer der Touristen, bzw. vorwiegend eine der Touristinnen, der Linie an, um mit den Verkäufern zu sprechen. Ein bizarres Schauspiel! Den Tag beschlossen wir mit einem Besuch im Zanzibar Zoo, der sich größtenteils als erstaunlich tierfreundlich erwies (zumindest gab es viel größere Käfige als in dem Zoo, den ich aus Agadir in Marokko in Erinnerung habe).

Ich war gerade zu einer Zeit auf Sansibar, als die alljährlichen Jubiläumsfeierlichkeiten zur Revolution einsetzen, die jedes Jahr  am 12. Januar begangen werden, wobei man sich fragen muss, was man angesichts des großen Massakers, das damals v. a. an den Arabern begangen worden ist, überhaupt feiern soll… Naja, dieses Jahr waren es die Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum und dementsprechend alle offiziellen Gebäude waren in den Farben der tansanischen Flagge geschmückt und zahreiche Events organisiert worden, die allerdings keinerlei historische Analyse der Revolution vornahmen, sondern schlicht und ergreifend Sansibar in der Jetztzeit zelebrierten. Maki und ich besuchten eine Art Messe, auf der sich alle derzeitigen Regierungs- und öffentlichen Organisationen und Inititiativen auf Sansibar vorstellen. Es gab Stände der Polizei, der Immigrationsbehörde, der Uni SUZA aber auch Kuriositäten wie der Zoo, der mit zahlreichen ausgestellten Tieren vertreten war (darunter eine Riesenhyäne in einem Minikäfig) und eine Veterinärstation, die angeblich live und vor Ort Abtreibungen an Katzen durchführten (wozu macht man so was denn…?). Wir schleppten uns durch die Mittagshitze auf der Suche nach etwas Essbarem, was es aber erst später geben sollte und so mussten wir uns mit trockenen Zimtkringeln („Danish“) zufriedengeben, die wir am Stand des Mbawani-Hotels (dort werden die meisten Hochzeiten Sansibars abgehalten und dort befindet sich auch die einzige richtige Disko der Insel) unter dem Konterfei des derzeitigen Präsidenten Mohammed Shein einnahmen.

Während meiner Zeit auf Sansibar fuhr ich zudem für einen Tag mit der Fähre auf’s Festland, nach Dar-es-Salaam, hinüber, um dort eine kleine Tour zu machen. Als ich nämlich an meinem ersten Tag in Tansania in Dar gelandet war, hatte ich dort eine Nacht bei Janet, der Schwester meiner Kiswahili-Lehrerin in Berlin, übernachtet. Leider war an diesem Tag nur eines meiner zwei aufgegebenen Gepäckstücke nicht mitgekommen und so gab ich an, dass mir das fehlende Gepäckstück an die Adresse meiner Gastfamilie in Sansibar geliefert werden solle, da ich in Dar gar nicht wusste, wo Janet und ihr Mann James eigentlich wohnten. Ihr Haus befindet sich so weit außerhalb des Stadtzentrums, dass es dort keine Straßen im europäischen Sinne gibt und Straßenschilder schon gleich gar nicht. Letztendlich musste ich mir mein fehlendes Gepäckstück jedoch komplett selbst organisieren: Ich musste viermal hinter dem Fundservice hinterhertelefonieren (von wegen: „Ja ja, wir rufen Sie an, wenn wir das Gepäckstück haben und zu Ihnen liefern!“) und musste es schließlich auch selbst vom Flughafen in Sansibar abholen. Naja, ich war am Ende einfach nur heilfroh, es wiederzuhaben, denn ich hatte schon Angst gehabt, dass es eventuell wieder nach Deutschland zurückgeschickt werden könnte. Um an den Anfang der Geschichte zurückzukommen: Janet hatte also an meinem ersten Tag in Dar noch gar keine Zeit gehabt, Geschenke für ihre Schwester in Deutschland zu kaufen, die ich mitnehme sollte, so dass ich ihr entgegenkam und sagte, ich würde noch einmal einen Tag nach Dar kommen, um die Sachen dann in Empfang zu nehmen. So geschah es auch und ich unternahm mit ihrem Mann James noch einen kleine Spritztour in Dar und besuchte u. a. den Makonde-Markt in Mwenge, wo man v. a. Skulpturen, Ledersandalen und Tinga-Tinga-Malereien kaufen kann,  und den Stadtstrand. Als ich am Abend zurück in Sansibar war, hörte ich die schreckliche Nachricht: Am selben Tag waren auf einer Fährüberfahrt von Pemba nach Unguja (wird immer als „Sansibar“ bezeichnet, wobei eigentlich Pemba und Unguja zusammen Sansibar bilden) fünf Leute wegen des heftigen Windes über Bord gegangen und ertrunken und 20 weitere wurden noch vermisst. Hier ein Artikel dazu:

http://sabahionline.com/en_GB/articles/hoa/articles/newsbriefs/2014/01/06/newsbrief-01

Das Unglück passierte am Morgen, aber erst nachmittags wurden Suchtrupps per Flugzeug eingesetzt, um nach den Opfern zu suchen. Wahrscheinlich gab es vorher keinen Sprit, wie ich zynischerweise vermute… Auch meine Fährüberfahrt war an diesem Tag von hohen Wellen begleitet gewesen, aber der Seegang zwischen Pemba und Unguja muss wohl immer um einiges stärker sein als der zwischen Unguja und Dar. Denn bereits 2011 hatte es auf der erstgenannten Strecke ein großes Fährunglück gegeben:

http://www.france24.com/en/20110910-dozens-injured-dead-tanzania-ferry-accident-drowned-capsized-zanzibar/

http://www.dailymail.co.uk/news/article-2035825/Zanzibar-ferry-disaster-Desperate-survivors-cling-mattress-190-drown.html

Ein bitterer Beigeschmack, der bleibt…

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