Sansibar, Klappe die Zweite!

Uff, schon wieder ist eine arbeitsreiche Woche rum – unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht! Nun bin ich schon seit über drei Wochen auf Sansibar! Diese Woche standen allerdings weniger Projektbesichtigungen, sondern stattdessen viel Arbeit am Laptop an, da ich gerade dabei bin, eine Teilnehmerdatenbank zu erstellen. Endlich kann ich so „learning by doing“ mal richtig Excel lernen. Es ist manchmal echt tricky, aber das dafür logische Denken macht mir großen Spaß! Ebensolchen Spaß machen die Salsastunden, an denen ich hier jede  Woche (diese Woche aufgrund der vielen Arbeit leider selten) in einem Hotel teilnehme. Eigentlich dachte ich bisher immer, ich sei für diesen Musikstil zu unrhythmisch, aber ich komme langsam hinein. Und ich bin nicht allein: auch die Einheimischen haben manchmal mit dem vertrackten Salsarhythmus  zu kämpfen.

Die traditionelle Musik Sansibars ist übrigens der Taraab, eine Musikrichtung, die auf ägyptischen Einfluss zurückgeht und sich im Laufe der Zeit mit indischer Filmmusik vermischt hat, aber auch andere arabische, afrikanische und europäische Elemente aufweist. Wie sollte es auch anders sein bei dem ganzen Kulturmix auf der Insel! So spielen in einem Taraaborchester u. a. Trommeln („ngomas“), Streicher, Keyboard und eine Art Klarinette mit.  Ich muss unbedingt nächste Woche versuchen zu solch einem Taraabkonzert in die hiesige Musikschule zu gehen! Wobei wir letztes Wochenende bereits einmal Taraabmusik hören konnten als wir in eine Hochzeit hineinstolperten und uns für ein paar Minuten unter die Gäste setzen durften. Es waren fast nur Frauen anwesend und ich habe noch nie so herrliche und viele Kleiderfarben („gowni“) auf einem Haufen gesehen! Im Innenhof einer Schule, wo die Hochzeit gefeiert wurde, spielte das Taraaborchester mit Sängerin auf einer Bühne und davor standen eine große Gruppe weiblicher Hochzeitsgäste, wiegten sich im Takt der Musik und sangen die Lieder über die Geschichte und Kultur Sansibars mit.

Apropos Musik: Wusstet ihr, dass Freddy Mercury aus Sansibar stammte? Er wurde nämlich 1946 als Faroukh Bulsara auf der Insel geboren und lebte hier bis zu seinem zehnten Lebensjahr bevor er nach Indien ging, wo seine Eltern ursprünglich herstammten. Ich habe in Zanzibar Town natürlich schon die obligatorische „Freddy Mercury“-Bar und das „Freddy-Mercury“-Haus entdeckt. Mich würde ja allerdings mal interessieren, was die Sansibaris eigentlich dazu sagen, dass Mercury schwul war und an AIDS gestorben ist …?

Letzten Samstag waren wir ein zweites Mal im Norden Sansibars, in Nungwi, unterwegs, um dort weitere mögliche Freiwilligeneinsatzstellen kennenzulernen und bestehende Projekte zu besichtigen. Darunter waren eine Schule, ein Kindergarten und das schon bestehende Dhow-Bauprojekt, wo man lernen kann, wie die traditionellen Boote gefertigt werden. Das war sehr interessant zu sehen und der Strand von Nungwi war mal wieder umwerfend schön! Wir fuhren gegen Abend auf dem Rückweg noch am Strand von Kendwa vorbei – auch hier herrliches türkises Meer und weißer, superfeiner Sand. Das Meer war so ruhig, dass man das Gefühl hatte, in einem See zu schwimmen (wenn es nicht so salzig gewesen wäre). Sonntag schließlich war ich auf einer weiteren Sightseeingtour in Stone Town unterwegs. Ich kann von dieser Altstadt einfach nicht genug bekommen! Ich besichtigte zunächst den ehemaligen Sklavenmarkt und die Anglikanische Kirche. Sansibar war im 19. Jahrhundert nämlich der weltgrößte Sklavenmarkt und die arabischen Sklavenhändler sollen in diesem Jahrhundert mehr als drei Millionen afrikanische Sklaven in arabische Länder, Persien, Indien aber auch Europa verschifft haben. Bzw. kamen auch auf Sansibar selbst viele Sklaven als Hausdiener und auf den Nelkenplantagen zum Einsatz. Man kann neben der Anglikanischen Kirche, die auf dem Platz des ehemaligen Sklavenmarktes steht, eine Sklavenkammer besichtigen, in die die Sklaven vor der Weiterschiffung für mehrere Tage eingepfercht wurden. Gruselig! Draußen steht zudem ein von einer schwedischen Künstlerin gestaltetes Denkmal, auf dem man an den Hälsen aneinandergekettete Sklaven sieht. Der Guide erzählte mir, dass man so vor allem Frauen ankettete und auch immer Menschen unterschiedlicher Muttersprache hintereinanderkettete, damit sie keinen gemeinsamen Aufstand anzetteln konnten. Auf jeden Fall ein sehr trauriges Kapitel in der sansibarischen Geschichte! Im Nordwesten der Insel kann man auch noch Sklavenkammern besichtigen, die in den Fels nah am Meer gehauen worden waren. Denn ab 1875 war die Sklaverei unter britischer Protektoratsherrschaft offiziell verboten worden, doch illegal ging der Sklavenhandel an der Küste Sansibars bis Anfang des 19. Jahrhunderts weiter.

Im Anschluss musste ich mich von einem Einheimischen zum Persischen Hammam führen lassen, da ich diesen im Gassengewirr und mit der komischen Karte in meinem Reiseführer selbst nie gefunden hätte. Ein sehr schöner und vor allem großer Hammam, der von Sultan Bargash Ende des 19. Jahrhunderts für die reiche arabische Bevölkerung angelegt worden war und der bis in die 1920er genutzt wurde.

Letzte Sightseeingstation war das Palastmuseum, in dem einst die Sultane von Sansibar residierten. Im Museum gibt es einen Ausstellungsraum, der komplett einer gewissen Emily Ruete gewidmet ist. Sie war die Tochter von Sultan Said, „Sayyida Salme“ genannt, und lernte auf Sansibar den deutschen Handelsvertreter Heinrich Ruete kennen. Als sie schwanger war und sich und dem Sultanshaus die öffentliche Schande ersparen wollte, floh sie mit einem britischen Schiff nach Deutschland, heiratete Ruete und brach mit ihrer Herkunft. So konvertierte sie z. B. vom Islam zum Christentum. Ihr Mann starb allerdings nach vier Jahren, als er unter eine Straßenbahn geriet, und so blieb Emily wohl ziemlich unglücklich in Hamburg zurück. Denn die Sultansfamilie auf Sansibar wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Und der Kreis schließt:  Emily Ruete starb schließlich  in Jena – wer hätte das gedacht! Ich weiß allerdings gar nicht, ob sich ihr Grab auch auf einem der Friedhöfe dort befindet. Also, liebe in-Jena-Wohnende, ihr habt einen Forschungsauftrag!

4 Gedanken zu “Sansibar, Klappe die Zweite!

    • Aha, habe ich mich doch richtig erinnert, dass sich ihr Grab gar nicht in Jena befindet. Danke für’s Nachforschen, Nico!

  1. Pingback: Hamburg Zanzibar Connection | Connys Weblog

  2. Pingback: Das afro-peruanische Erbe in Chincha und El Carmen – Andarina vom Dienst

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