Ausflug nach Buchara und weitere interessante Beobachtungen aus dem usbekischen Alltag

Die dreiwöchige Usbekisch-Sommerschule neigt sich langsam dem Ende zu und auch unsere Aufnahmefähigkeit hat langsam ein Ende erreicht. Heute im Tutorium waren wir von all der in den letzten Tagen angehäuften Grammatik so verwirrt, dass wir nicht einmal mehr fähig waren einfache, normale Sätze zu bilden. Ständig fragten wir uns vor der Übersetzung vom Deutschen ins Usbekische, ob man nicht noch irgendwo ein Genitiv-, Dativ-, Akkusativ- oder Ablativsuffix anfügen musste oder ob vielleicht eine Formulierung mit einem substantivierten Verb oder einem Aktivpartizip notwendig sei. Nun ist also in etwa das gleiche Phänomen wie beim universitäre Hocharabisch eingetreten – Kenntnisse fast aller Grammatikphänomene und vieler Ausnahmen, aber beim Sprechen auf der Straße bricht man sich immer noch gewaltig einen ab :-S Ein bisschen mehr alltagsorientierter hätte der Sprachkurs schon sein können. Naja, ab Ende dieser Woche bin ich ohnehin eine Woche auf Reisen und werde dann hoffentlich genügend Praxis haben. (Obwohl ich ja auch mit Gulja, meiner Gastmutter, immer (mehr schlecht als recht) Usbekisch rede… ) Ja, ich werde Freitag nach der Prüfung nämlich mit zwei Mädels aus dem Kurs per Nachtzug nach Urgentsch aufbrechen, von dort nach Chiwa fahren, Richtung Aralsee reisen und dann mit dem Nachtzug nach Taschkent zurück fahren, wo in der Nacht von Freitag auf Samstag (5.-6.10.) mein Flug back to Germany geht. Aber bis dahin genieße ich noch die Zeit hier, denn ich habe mich gerade richtig gut eingelebt.

Buchara vs. Samarkand

Am vergangenen Wochenende stand auch der erste Ausflug auf dem Programm. Es ging 268 km westlich von Samarkand nach Buchara. Dort waren wir alle in einer Art Familienpension untergebracht, ein „hovli“ (traditioneller usbekischer Wohnkomplex) mit weinrebenumranktem Innenhof, auf dem wir jeden Morgen draußen frühstücken konnten. Nach der Busfahrt am Freitag hatten wir nachmittags eine dreistündige Stadtführung zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten in der Altstadt, von denen viele zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. Dadurch, dass hier alle Sehenswürdigkeiten nah beieinander liegen, drängen sich auch die Touristenscharen alle in der Altstadt und die ganze Stadt wirkt viel touristischer als Samarkand, wo die Sehenswürdigkeiten weit verstreut liegen. Sprüche wie „Madame, where are you from?“ und „Good price, good price“ hatte ich ja noch aus Marokko in den Ohren, aber die Verkäufer waren bei Weitem nicht so aufdringlich und nervig wie vielleicht in Marrakesch. Mir hat Buchara nämlich, trotz seines viel touristischeren Auftretens, echt besser als Samarkand gefallen (aber pssst, das darf man natürlich niemandem aus Samarkand erzählen!). Es gibt zumindest auch viel mehr Cafés und Restaurants, wo man sich gemütlich bis in den späten Abend hinein hinsetzen und mit etwas Musik und Lichtshows im Hintergrund etwas essen und trinken kann. Wir waren Sonntag sogar in einem Café, „Wishbone Café“, mit echtem Bohnenkaffee (!!!) und deutschem Kuchen. Die Besitzerin ist nämlich eine mit einem Usbeken verheiratete Deutsche und wusste wohl genau, was den kaffeesüchtigen deutschen Touristen in Usbekistan am meisten fehlt 😉 Da waren die vergleichsweise teuren 1,60 € für eine Tasse Kaffee eine gute Investition und bewirkte, dass ich den Rest des Tages echt putzmunter war. Sonst gibt es ja immer nur Nescafé oder scheußlich süßen Pulvercappuccino, dessen Weckwirkung nach fünf Minuten verpufft ist.
In Buchara kann man wahnsinnig viele Madaris (Plural von „Madrasa“ = Koranschule), Moscheekomplexe und Mausoleen besichtigen. Zudem waren wir auch alle Souvenirs shoppen (z. B. gibt es Baumwoll- und Seidentücher, Brot“stempel“, Kalligraphien, russische Pelzmützen) und genossen es einfach umherzuschlendern und die Touristengruppen zu beobachten, die kleidungstechnisch immer so aussahen, als würden sie auf Safari gehen und nicht, als würden sie den ganzen Tag im Bus umherkutschiert. Wir alle studentische Touristen fallen hier schon immer sehr auf. Ab und zu sieht man auch mal ein paar jüngere Individualtouristen, aber die Mehrheit bilden nach wie vor Rentnerbusgruppen.
Da es einigen aus dem Kurs gar nicht gut ging (diverse Magenprobleme und Fiebererkrankungen) fuhren sie schon Sonntagmorgen nach Samarkand zurück, wohingegen ich und drei andere Mädels aus dem Kurs noch bis zum Nachmittag blieben und weiter die Stadt erkundeten. Wir schauten z. B. in einer von wenigen in Usbekistan existierenden Mädchenkoranschulen vorbei und konnten uns in einem Kauderwelsch auf Russisch und Usbekisch mit ein paar Schülerinnen unterhalten, was sehr interessant war. Nachmittags nahmen wir schließlich ein Sammeltaxi über Navoy zurück nach Samarkand

Im Folgenden gebe ich wieder ein paar Alltagsbeobachtungen zum Besten:

Der Hochzeitsmonat September: ansonsten „nüscht“ los hier

Man sieht sie wirklich überall in Samarkands Stadtbild: weiße Brautkleider. Deren Fotos bzw. echte Exemplare schmücken die zahlreich vorhandenen Brautmodengeschäfte, Kosmetiksalons und Blumenläden. Denn: September ist Hochzeitshochsaison in Samarkand. Jeden Tag sieht man auf dem Registan oder im Minutentakt am „Denkmal der weinenden Mutter“ Brautpaare, die Horden von buntgekleideten Verwandten und vorneweg Fotografen und ein Kameramann umringen. Schon von weitem kann man das glitzernde und funkelnde weiße ausladende Brautkleid sehen, in dem eine wie eine Puppe geschminkte, meist um die 20 Jahre alte Braut steckt. Der Bräutigam, in einen zumindest schimmernden Anzug gelkleidet, ist meist älter als die Braut (meist 10 Jahre älter oder mehr) und vielleicht haben sich beide zur Hochzeit selbst auch zum ersten Mal überhaupt gesehen. Mutter und Großmutter einer Familie arrangieren nämlich auch heute noch die Hochzeit und schließlich zieht das Ehepaar dann ins Haus der Eltern des Bräutigams ein, zumindest wenn dieser der älteste Sohn der Familie ist.
Im September ist früh oder später eigentlich jeder einmal zu einer Hochzeit eingeladen und es scheint auch die einzige Zeit im Jahr zu sein, in der, zumindest in Samarkand, auch abends mal was los ist. Usbeken scheinen mangels Angebot nicht gerade Weltmeister im abends Ausgehen zu sein, denn wenn z. B. unter Studenten mal eine „Wohnheimparty“ stattfindet, dann fängt die schon 16 Uhr an und ist 20 Uhr zu Ende. Und auch die Hochzeitsfeier, die im Restaurant stattfindet, endet schon gegen 1 Uhr. Unser Sommerschulkurs war am ersten Wochenende übrigens auch bei der Familie eines Usbekischlehrers eingeladen, um dem „Kelin-Salom“ (Braut-Begrüßung) beizuwohnen. Dies ist der Tag vor der Hochzeit, bei dem die Braut im Hause des Bräutigams abgekommen ist und an dem sie alle an der Hochzeit teilnehmenden Verwandte und Gäste in einer Zeremonie begrüßen muss. Ihr könnt euch die Fotos unten anschauen; Videos stelle ich dann in Deutschland auch noch auf den Blog. Die Braut bedeckt zu Beginn der Zeremonie ihr Gesicht mit einem Tuch, das dann von einem Mädchen der Familie mit Hilfe eines Stabs gelüftet wird. Sie ist über und über mit glitzernden Gewändern „verhangen“ und muss die ganze Zeit ihren einen Arm vor dem Gesicht auf- und abbewegen während ständig irgendwelche Familienmitglieder an ihr „herumzuppeln“. Sie kam mir vor wie eine riesige Puppe während alle anderen Anwesenden im Raum sich unterhielten, ihr Geschenke brachten oder tanzten.
Der ganze Hochzeitsklamauk kann einem schon ganz schön auf die Nerven gehen. Ich habe natürlich auch schon die Hochzeitsfotos meiner Gastfamilie ansehen müssen; um die angedrohte Vorführung des Hochzeitsvideos komme ich hoffentlich herum … Eine beliebte Frage gleich nach dem Vornamen und Alter ist somit natürlich die, ob man verheiratet ist, ob man Kinder hat und wenn nicht, wann man denn gedenkt, sich Kinder zuzulegen…
Aber einen interessanten Aspekt hat das Heiraten in Usbekistan noch, nämlich den linguistischen: „Heiraten“ heißt nämlich für Männer und Frauen unterschiedlich, wobei die Verben viel über die Kultur des Landes preisgeben. „uylamoq“ = „ein Haus bereitstellen“ heißt „heiraten“ für Männer und „erga tegmoq“ = „den Ehemann berühren“ bzw. „turmushga chiqmoq“ = „in das Leben hinaustreten“ für Frauen.

Home sweet Home

Zu Hause ist es einfach am schönsten – das denken wohl die meisten Usbeken. Denn aus eigenen Beobachtungen und denen anderer Kursteilnehmer stellten wir fest, dass die Leute hier einfach die ganze Woche über und auch am Wochenende fast nur zu Hause hocken und kaum andere Orte als ihre eigene Stadt kennen. In den Altstädten hat man, ähnlich wie in arabischen Städten, nach außen nicht einsehbare Wohnkomplexe, die durch hohe Mauern und Metalltüren verschlossen sind auch auch keine Fenster aufweisen. Der Unterschied zu arabischen Städten ist jedoch, dass sich das Leben hier tatsächlich hinter den Türen des traditionellen Wohnkomplexes, der auch immer einen Innenhof aufweist, abspielt und nicht auf der Straße. In arabischen Ländern sitzen die Leute ja bis spät abends draußen auf der Straße, quatschen mit vorbeikommenden Nachbarn, spielen Brettspiele oder beobachten alles, was so passiert, was den Straßen einen weitaus lebhafteren Charakter als dem in usbekischen Altstädten verleiht.

Bäumchen wechsle dich

Das Alter spielt in Usbekistan eine entscheidende Rolle, denn ich habe ja bereits im letzten Blogeintrag geschrieben, dass dies für die Anrede von Personen wichtig ist. Weiterhin spielt das Alter in öffentlichen Verkehrsmitteln eine wichtige Rolle, denn so sind z. B. die Sitzplätze in den Stadtbussen nur begrenzt und älteren Personen, Frauen, sowie Ausländern werden diese bevorzugt angeboten. So findet die ganze Zeit ein lustiges „Bäumchen wechsle dich“-Spielchen statt, denn jeder sitzende Mann, springt sofort auf, wenn eine der gerade genannten Personengruppen den Bus besteigt, jüngere Frauen schauen ständig ob sie einer älteren Person den Platz anbieten können etc. Auch vor mir sprang ein Schulmädchen von seinem Sitz auf und bot ihn mir an, wobei ich erst dachte „Oh Gott, sehe ich schon so alt aus?“, mir ihre Höflichkeit dann aber mit meinem „Ausländerbonus“ erklärte.

„Wie, Sie sprechen nur Usbekisch?“

Als Ausländer wird man hier in Usbekistan fast immer nur in Russisch angesprochen. Ein „Ich spreche kein Russisch“ auf Usbekisch gesagt wird meist eiskalt ignoriert und man weiter mit russischen Wörtern überhäuft oder man wird fast schon entrüstet gefragt „Wie, Sie sprechen nur Usbekisch?“. Russisch gilt hier immer noch als eine Sprache der Gebildeten, wohingegen Usbekisch als Volkssprache eher den Ungebildeten zugeschrieben wird. Muss dann wohl für einen Usbeken schon komisch zu sein, Europäer zu treffen, die seine Sprache sprechen. Die meisten freuen sich dann aber wie die Schneekönige und teilen dies auch immer Umherstehenden mit. So unterhalte ich mit meiner Anwesenheit hier schon einmal gut und gerne den halben Tante-Emma-Laden bzw. eine Handvoll Basarhändler. Wegen meiner dunklen Haare wird meine deutsche Herkunft des Weiteren öfter in Zweifel gezogen. O-Ton Tourishopverkäufer: „You have a Uzbek face.“ und ich solle doch mal nach meinen usbekischen Vorfahren forschen bzw. gestern war eine russische Marktfrau der felsenfesten Überzeugung, dass ich wegen meines Äußeren auf gar keinen Fall Deutsche sein könne. Und in Buchara wurde ich mit meinen paar Sätzen brüchigen Usbekisch für eine Türkin gehalten – dann habe ich ja die Qual der Wahl 😉

Überall blaue Plastiktüten

Ein witziger Aspekt zum Schluss: Auffällig viele Usbeken rennen mit dunkelblauen Plastikbeuteln rum, in denen sie statt in einer Handtasche ihr Hab und Gut transportieren. Feste Plastiktüten sind hier so etwas besonderes, dass man sie an einem gesonderten Basarstand kaufen muss. Die Plastiktüten, die man für Obst und Gemüse erhält, sind nämlich weder reißfest noch wasserdicht. Warum allerdings gerade die dunkelblauen Plastiktüten der „Aygen Collection“ so beliebt sind, bleibt mir (noch) ein Rätsel …
Die ersten Fotos unten zeigen übrigens noch die Ausflüge innerhalb Samarkands vom ersten Wochenende in die Gräberstadt Shohizinda mit Friedhof, sowie das Afrosiob-Museum mit archäologischer Ausgrabungsstätte. Also, einfach anklicken und in groß anschauen!

Ein Gedanke zu “Ausflug nach Buchara und weitere interessante Beobachtungen aus dem usbekischen Alltag

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