Arabischlernen und Umgebung erkunden: Rabat, Bouknadel, Témara

Als ich während des Praktikums in Casa gewohnt hatte, war Rabat immer das ruhige, entspannte und saubere Gegenbild gewesen, in dem man sich eine Stunde Fahrzeit entfernt, ein bisschen von der hektischen Wirtschaftsmetropole erholen konnte. Nun wohne ich seit fast einem Monat in Rabat und muss eingestehen: Irgendwie war Casa doch „cooler“ zum Wohnen und Rabat mit seinem Charakter als Verwaltungs- und politische Hauptstadt wirkt tatsächlich immer ein bisschen „bieder“ (wenn man das für marokkanische Städte überhaupt sagen kann). Es ist einfach zu ruhig – das Hassan-Viertel, in dem ich wohne, ist einfach zu geleckt und menschenleer, weil sich das Botschaftsviertel gleich um die Ecke befindet, und so viele kleine Läden und Einkaufsmöglichkeiten wie in meinem „quartier populaire“ (volkstümliches Viertel) in Casa gibt es bei Weitem nicht. Auch in der ganzen Stadt ist das Kultur- und Weggehangebot weitaus geringer als in Casa (wobei das dort im Vergleich zu europäischen Städten natürlich auch dürftig war) und die Leute an sich sind viel reservierter als in Casa. Das hat aber zumindest den Vorteil, dass man als Frau weit weniger von Männern angelabert wird und einen die Händler auf dem Suk auch weitgehend in Ruhe gucken lassen.

Nun ja, demnächst, voraussichtlich ab dem 20. oder 21. Juli wird es in ganz Marokko ohnehin viel ruhiger zugehen, zumindest tagsüber, denn dann wird einen Monat lang Ramadan sein. Der Starttag steht vorab immer nicht genau fest, da er sich nach dem Mond richtet; der Neumond muss gesichtet werden, was irgendwie erst kurz vorher festgestellt werden kann.

In meinem Umfeld schwebt der Fastenmonat schon wie die große Unbekannte über allen Gesprächen und alle Ausländer, die dies noch nicht in Marokko miterlebt haben, überlegen sich, wann die Lebensmittelläden dann überhaupt aufmachen (vermutlich trotzdem ab Mittags) und ob man öffentlich essen und trinken darf (werde ich auf der Straße einfach aus Respekt nicht machen; Marokkaner können dafür von der Polizei angehalten und bestraft werden). Zumindest werden alle Restaurants und Cafés tagsüber und alle Clubs und Kneipen den ganzen Ramadan über geschlossen sein. Alkohol wird es den ganzen Monat über nirgendwo zu kaufen geben, weswegen wir uns auch schon ernsthaft überlegt haben, jetzt noch einen kleinen Alkoholvorrat anzulegen 😉 Ein bisschen Angst macht mir dann schon die erhöhte Unfallgefahr auf den Straßen, weil viele natürlich sehr unkonzentriert Auto fahren (kein Essen, kein Trinken, wenig Schlaf) und auch das Aggressionspotenzial der Leute gerade gegen Abend hin massiv ansteigt, wenn alle nur noch den Sonnenuntergang erwarten, um das Fasten brechen zu können … Ich werde, mal wieder, abwarten und Minztee trinken und schauen, was mich nächste Woche erwartet. Ich vermute, dass sich an meiner Sprachschule, bei der ich seit Wochen Arabischunterricht nehme, und bei meinem kleinen Fitnesscenter, bei dem ich nun dreimal die Woche zum Aerobickurs gehe (ja, ihr habt richtig gelesen!), alle Zeiten nach hinten verschieben. Für den Sprachkurs wäre das auch echt ein Segen, denn die letzten zwei Wochen musste ich dort täglich 8.30 Uhr antanzen und das (versnobte) Stadtviertel befindet sich leider genau am anderen Ende der Stadt L Das heißt, laufen, Straßenbahn nehmen (gibt es seit einem Jahr in Rabat) und wieder laufen. Dort hatte ich dann vier Stunden jeden Tag volle Dröhnung Arabisch, erst in einem mittleren Kurs für klassisches Arabisch (Fusha), was mir aber nicht viel brachte und ich daher wieder in einen Darija-Kurs (marokkanisches Arabisch) wechselte, was mir hier für den Alltag auch viel mehr bringt. Eigentlich hatte ich vorgehabt, Einzelunterricht für Media Arabic zu nehmen, aber da die Schule leider gerade ach so ausgebucht ist, gab es keine freien Lehrerkapazitäten :-S Aber bezahlen soll ich natürlich trotzdem schön! Da muss ich mich echt noch einmal beschweren und werde bis dahin einfach zu Hause selbst noch ein bisschen Medienarabisch lernen. Ich werde ja während des Ramadans ohnehin nichts anderes machen können 😉 Die Sprachschule an sich ist überfüllt mit stipendiumsgefütterten jungen, enthusiastischen Amis und vereinzelten weiteren Ausländern von überall her, die in der Regel alle echt nett sind. Unten findet ihr ein paar Fotos vom heutigen Freitag, an dem eine Französin aus meinem Kurs marokkanische Frühstücksspezialitäten für alle mitbrachte, die wir nach unserem ersten Zwischentest im schönen Garten der Sprachschule verspeisten. Ich kann mich nun mit dem „Beginner I“-Titel in Darija rühmen und werde nächsten Montag den „Beginner II“-Kurs starten. Während der wenigen Tage, die ich nun wieder Darija hatte, konnte ich die Leute draußen echt schon viel besser verstehen. Vor allem habe ich nun endlich einmal die Konjugation der Verben gelernt – ich weiß gar nicht, wie ich sechs Monate lang mit Darija überlebt habe, ohne Verben benutzen zu können 😉 Es ist zudem sehr erstaunlich, wie viel Französisch im Darija drinsteckt. So funktioniert z. B. die Verneinung wie im Französischen (statt „ne…que“ schließt „ma…schi“ das gebeugte Verb ein), es gibt zeitliche Ausdrücke, die vom Französischen übernommen wurden (z. B. heißt „seit drei Jahren“ auf Französisch „il y a trois ans“ und auf Darija „hadi tlata sanawat“) und natürlich gibt es tonnenweise einarabisierte französische Wörter. Dann kommen so lustige Wortschöpfungen wie „l-busta“ von  „la poste“ (die Post), „sufitma“ von „souvêtements“ (Unterwäsche) oder „tnabr“ von „timbre“ (Briefmarke) zustande. Umgekehrt sind aber auch ins Französische einige Begriffe aus dem maghrebinischen Arabisch eingewandert. Dort spricht man ebenso wie z. B. die Marokkaner vom „bled“ (Heimatland), „kif kif“ (das ist dasselbe“) oder französisiert arabische Ausdrücke, z. B. „le Chérif/chérifien“ (von arab. Scharif = Nachkomme des Propheten Muhammads) oder „le Makhzen“ (marokkanischer Regierungsapparat). Lingustisch ist dieser Sprachmix also höchstinteressant! Ich muss nur mal Nachforschungen anstellen, wie es mit dem Spanisch-Darija-Mix in Nordmarokko aussieht.

Neben der gestarteten Sprachschule habe ich ein bisschen die Umgebung von Rabat bzw. Rabat selbst unsicher gemacht. Ich war auf dem Jazzfestival in der Chellah, war auf ein paar Abschiedsabenden eingeladen, die oft mit Fußball-EM-Schauen verbunden waren, und bei Kochabenden (Sushi & deutsche Küche) mit anschließendem Weggehen in einen der wenigen Clubs Rabats (Al Yacout, vermutlich ein Club von Senegalesen). Außerdem entdeckte zusammen mit einer anderen Deutschen, Katharina, die eine Ausbildung beim der Deutschen Botschaft macht, leckere Couscousrestaurants und gute Shoppingmöglichkeiten in der Medina. Am Wochenende waren wir auch schon am Strand in Témara, ein kleiner Küstenort südlich von Rabat, und ich besuchte letztes Wochenende Bouknadel im Norden von Rabat mit seinem Botanischen Garten und dem kuriosen Belghazi-Museum. Das sah einfach aus wie eine riesen Rumpelkammer aus allen möglichen marokkanischen Einrichtungs- und Alltagsgegenständen. Ich konnte mir ein Schmunzeln einfach nicht verkneifen. Vor allem die trottlig reinschauenden Porträts am Ende (siehe Fotos unten) und die Tatsache, dass ich die einzige Besucherin war, und mir jeder Raum einzeln aufgemacht und das Licht angemacht und gleich nach Besichtigung des Saals wieder ausgemacht wurde, trugen dazu bei. Aber ein Besuch lohnt sich auf alle Fälle, denn man bekommt viel von der marokkanischen Kultur mit, auch wenn die eine oder andere Erklärungstafel durchaus von Vorteil gewesen wäre!

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