Fès, marokkanische Königsstadt mit Damaskusflair

Um meinen Blog nun endgültig wieder auf den aktuellen Stand zu bringen, gibt’s nun noch die Reiseberichte zu meinen Ausflügen vor dem offiziellen Start meines Arabischkurses in Rabat: Von Deutschland aus nahm ich am 9. Juni (oh man, schon fast wieder einen Monat her!) das Flugzeug von Frankfurt/Hahn nach Fès, denn diese Stadt wollte ich unbedingt noch einmal ausführlich erkunden, nachdem ich ihr im November letzten Jahres ja bereits eine kurze Stippvisite abgestattet hatte. Ich übernachtete dort bei Souka, einer Couchsurferin, und ihrer Familie. Als ich Samstagabend nach einer ungewollten und natürlich auch viel zu teuren Taxifahrt vom Flughafen bei ihr eintraf (mein Flieger kam 19.20 Uhr an, aber „natürlich“ war der letzte Bus in die Stadt schon 19 Uhr abgefahren…), dachte ich zuerst einmal „Oh mein Gott, wer sind eigentlich diese ganzen Leute in ihrer Wohnung und wo schlafen die alle?“. Es stellte sich heraus, dass gerade ganz viele Cousinen und Tanten zu Besuch waren, die offiziell gar nicht alle in der Wohnung wohnten und auch nur teilweise an diesem Abend dort übernachteten. In so einer typisch marokkanischen Wohnung gibt es halt wenig Privatsphäre: Auch wenn Souka ein eigenes Zimmer hatte, so kamen ständig eine ihrer Cousinen herein, stöberte in ihren Sachen, lümmelte sich aufs Bett, um sich dann wieder ins Wohnzimmer vor den ständig laufenden Fernseher zu setzen. Manche Familienmitglieder blieben dann, wie gesagt, auch über Nacht, was heißt, dass sie sich einfach, wenn sie müde wurden, einen Platz auf dem riesigen Sofa suchten, das in jeder marokkanischen Wohnung immer das halbe Wohnzimmer einnimmt, und sich dort ohne Decke hinlegten. Auch ich legte mich bald auf dem Sofa schlafen, obwohl im Wohnzimmer noch laut der Fernseher dudelte und Soukas Tanten, Mutter und Cousinen teilweise noch wach waren und sich unterhielten.

Den folgenden Sonntag nutzte ich, um die riesige Medina von Fès zu erkunden, die laut Lonely Planet die weltgrößte erhaltene muslimische Siedlung aus Zeiten des Mittelalters ist und als erster Ort Marokkos in die UNESCO-Weltkulturerbeliste aufgenommen wurde. Und tatsächlich: So eine schöne Medina hatte ich in Marokko (außer vielleicht in Ansätzen in Marrakesch) noch nicht gesehen und musste gleich an die in Damaskus zurückdenken. Man kann einfach unendlich viele der verwinkelten Wege entlangschlendern, entdeckt an jeder Ecke eine Sehenswürdigkeit (z. B. ehemalige Koranschulen, Brunnen, Wasseruhr, Moscheen) und wird einfach nur mit Eindrücken von den ganzen Sukständen zubombadiert. Auch den zweiten Tag zog es mich erneut in die Medina, da ich es am ersten Tag noch nicht geschafft hatte, die Ledergerbereien zu finden, für die Fès sehr berühmt ist. Wobei man nicht wissen will, in was für giftigen Färbeflüssigkeiten die Männer da jeden Tag rumwaten und welche Dämpfe sie dabei einatmen…

In Fès steht befindet sich übrigens auch die nach marokkanischen Angaben älteste Universität der Welt (Bologna und Prag beanspruchen den Titel ja auch für sich), die Kairaouine-Universität, in die man jedoch als Nicht-Muslim leider nicht hereinkommt, da es sich um eine religiöse Uni mit angeschlossener Moschee handelt. Ich konnte zumindest durch das geöffnete Eingangstor ein Foto erhaschen und ging von dort aus weiter zum Place as-Seffarine, dem Platz der Messingschmiede, deren Hämmerlärm schon von weitem zu hören ist. Wegen der berühmten religiösen Uni und vielen weiteren religiösen Gebäuden, die sich in der Stadt befinden und die in der Regel grüne Dächer haben, da Grün als die Farbe des Islams gilt, wird Fès auch die „grüne Stadt“ genannt. Außerdem war Fès bis 1912 auch Hauptstadt Marokkos bevor Rabat mit Beginn des Französischen Protektorats zur Hauptstadt ernannt und dort der Sitz des französischen Generalresidenten, General Lyautey, eingerichtet wurde. Dieser leitete ab da die Geschicke Französisch-Marokkos und bewirkte, das in den großen Städten Marokkos, v. a. Fès, Meknès, Casablanca und Rabat, die Villes Nouvelles (Neustädte) außerhalb der Medina entstanden, die mit ihren rechtwinklig verlaufenden Straßen auch in allen dieser Städte gleich aussehen.

Soukas Onkel übrigens war Taxifahrer und so hatte ich das Glück, Montag in der Frühe eine Privattaxifahrt zu einem günstigen Festpreis zu den Aussichtspunkten Borj Nord (Nordturm) und den Merenidengräbern machen zu können, von denen man einen beeindruckenden Blick auf die ganze Stadt hatte. Außerdem fuhren wir noch zu einer Keramikwerkstatt, wo ich eine kleine Führung bekam und dafür nicht einmal, wie erwartet, Bakschisch (Trinkgeld) zahlen musste. Fès ist nämlich berühmt für seine Fès-blauen Töpferwaren. Und Couchsurfing zahlte sich mal wieder auch in anderer Hinsicht aus: Mit Soukas Onkel unternahmen wir eine durchgeknallte nächtliche Cabriofahrt durch Fès mit schön aufgedrehter Fanmusik vom  Fußballverein der Stadt und ich nutzte die Gelegenheit, um mir von einer guinea-bissauischen Freundin Soukas Rastas flechten zu lassen, was sich in den nächsten Wochen gerade bei viel Wind und Hitze als sehr praktisch erweisen sollte („Beweisfotos“ siehe unten).

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