Mein Interview mit Mohammed Bakrim, marokkanischer Filmkritiker, am 2. März 2012, Marrakesch

„Zunächst könnte man nicht vom Kino in Marokko sprechen, wenn es nicht den Staat gäbe. Das marokkanische Kino existiert, weil es eine staatliche Beihilfe gibt.“

„Was charakterisiert das marokkanische Kino heute? Man kann sagen, dass es sich im Bereich der Produktion um eines der dynamischsten Kinos Afrikas und der arabischen Welt handelt.“

Neben ihrem Amt als Präsident des Vereins „Aflam“ der Kinokritiker und –journalisten sind Sie Verantwortlicher des Bereichs „Kooperation und Förderung“ des Marokkanischen Kinematographischen Zentrums (CCM).

Da haben sich einige Dinge geändert. Der Verein heißt nicht mehr „Aflam“, sondern „AMEC“, Marokkanischer Verein für Kinostudien. Und ich bin seit dem 1. Januar 2012 nicht mehr beim CCM.

 

Was ist somit gerade ihre Haupttätigkeit?

Ich arbeite hauptsächlich als Filmkritiker und auch als Produktionsberater. Ich helfe viel bei Filmproduktionen und unterrichte an der Filmschule von Marrakesch, der ESAV (Hochschule für Visuelle Künste, Anm. d. Red.).

 

Und was genau sind ihre Aufgaben als Präsident des Vereins „AMEC“?

Wir ermutigen die Kinoforschung in Marokko. Gerade bewegt sich viel im marokkanischen Kino. Aber wir haben leider festgestellt, dass diese Entwicklung nicht durch Forschung von Analysten begleitet wird. Daher unterstützen wir diese nun. Wir organisieren Weiterbildungsveranstaltungen für Journalisten, Kritiker und Kinogänger und vergeben einen Preis auf mehreren Filmfestivals. So haben wir einen Preis der Cinephilie (Liebe zum Kino, Anm. d. Red.) für marokkanische Filme. Wir vergeben ihn im Rahmen des Internationalen Filmfestivals von Marrakesch (FIFM) und während des Nationalen Festivals des Marokkanischen Films in Tanger und dies ist letztendlich auch eine Gelegenheit, unseren Verein zu treffen und über Kino zu reden. Hier in Marrakesch, wo sich das internationale Filmfestival abspielt, haben wir den Preis an einen italienischen Film, („Seven Acts of Mercy“ von Gianluca und Massimiliano De Serio, vergeben und in Tanger auf dem marokkanischen Filmfestival an den marokkanischen Film „Sur la planche“ von Leïla Kilani. Er läuft gerade sehr gut in Frankreich.

 

Was zeichnet marokkanische Filme bzw. das marokkanische Kino aus?

Der Kinokonsum hat in Marokko schon sehr früh Einzug gehalten. Aber als Industrie ist das Kino in Marokko noch sehr jung. Der erste marokkanische Film kam 1958 heraus („Le fils maudit“ von Mohamed Ousfour, Anm. d. Red.); das marokkanische Kino ist also wirklich sehr jung. Was charakterisiert dieses Kino heute? An dieser Stelle kann man sagen, dass es sich im Bereich der Produktion um eines der dynamischsten Kinos Afrikas und der arabischen Welt handelt. 2011 haben wir 23 Spielfilme und mehr als 80 Kurzfilme realisiert, was Marokko unter die Länder mit einer wichtigen Kinoaktivität platziert. Wir haben eine wichtige Produktion, die sich durch Sichtbarkeit auszeichnet. Das heißt, es handelt sich um marokkanische Filme, die in Marokko seit einigen Jahren an erster Stelle der Einnahmen an der Abendkasse stehen. Vorher war dies das ägyptische und US-amerikanische Kino; jetzt ist es der marokkanische Film, der den ersten Platz an der Abendkasse seit 2004/2005 einnimmt. Aber das marokkanische Kino ist auch auf dem internationalen Parkett sichtbar. Jeden Tag wird es zu Filmfestivals eingeladen. Und der letzte Film von Faouzi Bensaïdi hat einen Preis bei der diesjährigen Berlinale gewonnen.

 

Der Film „Mort à vendre/ Death for sale“ …

… „Mort à vendre“, genau. Wie gesagt, es handelt sich also um ein Kino mit einer wichtigen Produktion, die sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene sichtbar ist. Zweite Sache: Das marokkanische Kino ist ein sehr vielseitiges Kino, zum Beispiel sehr vielseitig in seinen Filmthemen: Unsere tunesischen, ägyptischen und algerischen Freunde sagen uns, dass unser Kino sehr stark ist, weil es verschiedene Themen berührt. Im Zentrum kann man soziale Themen finden. Das marokkanische Kino interessiert sich viel für soziale Fragen: Die Rolle der Frau, illegale Einwanderung, das Leben in der Gesellschaft des heutigen Marokko. Es ist außerdem sehr vielseitig was die Filmstile betrifft. Da ist zum Beispiel ein Film wie „The End“ (von Hicham Lasri, Anm. d. Red.), der einem sehr konkreten Autorenkino angehört. Auf der anderen Seite gibt es kommerzielle Filme, die das große Publikum erreichen wollen und die eine erstklassische Ästhetik aufweisen, um es den Leuten zu ermöglichen, die Filmhandlung nachzuvollziehen. Das heißt, das marokkanische Kino ist vielseitig bezüglich der Themen, vielseitig in der Form, der Technik und der Ästhetik, sowie vielseitig bezüglich der Generationen. In Marokko haben wir das Glück, junge Leute zu haben, die das Kino verteidigen, ebenso wie die Pioniere, die weiterhin Kino machen.

 

Sie sprechen von dieser „neuen Generation“ von Regisseuren, die oft einen Bezug zu zwei Ländern, Marokko und einem anderen Land, zum Beispiel Frankreich oder Belgien, haben.

Genau.

 

Welche Filme werden hauptsächlich in Marokko hergestellt, Autorenfilme oder eher kommerzielle Filme?

Das ist eine gute Frage. Langezeit, von Ende der 80er- bis Mitte der 90er-Jahre, war das marokkanische Kino ein Autorenkino. Mitte der 90er-Jahre sehen wir dann den Aufstieg eines Kinos, das nicht hundertprozentig kommerziell, aber auch nicht hundertprozentig Autorenkino ist. Es handelt sich um ein populäres Kino, das ein großes Publikum erreicht, indem es, wie ich es nenne, Themen der Nähe aufgreift, das heißt, etwas aus den Nachrichten, aus dem alltäglichen Leben, aber dies mit einem Minimum an technischem und künstlerischem Anspruch verbindet. Ich würde daher sagen, dass es sich vor allem um ein Kino handelt, das ein großes Publikum erreichen will und das heute sehr präsent in Marokko ist.

 

Wie erklären Sie sich diesen Aufstieg des kommerziellen Kinos? Gab es mehr Subventionen oder eine größere Nachfrage von Seiten des Publikums?

Beides. Zunächst könnte man nicht vom Kino in Marokko sprechen, wenn es nicht den Staat gäbe. Das marokkanische Kino existiert, weil es eine staatliche Beihilfe gibt. Es gibt einen Fonds in Marokko, der sich „Avance sur recettes“ (Vorschuss auf das Einspielergebnis, Anm. d. Red.) nennt und der über ein jährliches Budget von etwa 60 Mio. DH (ca. 6 Mio. €) verfügt, was die heutige marokkanische Filmproduktion ermöglicht. Diese Hilfe wird auf zweierlei Weise vergeben: Man präsentiert entweder das Drehbuch oder man präsentiert einen Film, der bereits fertig  ist. Diese staatliche Beihilfe ermöglicht es einem marokkanischen Film zu existieren, der mit etwa 4 Mio. DH (ca. 400.000 €) produziert worden ist. Und wir haben festgestellt, dass diese Beihilfe marokkanischen Filmen erlaubt hat, ihr Publikum zu finden. Das heißt, die Ankunft des Publikums bei marokkanischen Filmen gibt den Leuten aus der Filmbranche Auftrieb weiter zu arbeiten und veranlasst den Staat weiterhin Filme zu fördern. Das einzige Problem ist das Problem der Kinosäle; die Krise der Säle in Marokko. Aber die wenigen Säle, die heute existieren, gibt es wegen der marokkanischen Filmproduktionen. Zum Beispiel kannst du diese Erfahrung hier in Marrakesch mit dem Kino Colisée machen. Es existiert heute vor allem dank der marokkanischen Filme, die dort gezeigt werden.

 

Aber zum jetzigen Zeitpunkt gibt es nur noch etwa 50 Kinosäle, die in ganz Marokko übriggeblieben sind …

Nicht einmal das.

 

Können Sie uns den aktuellen Stand der Digitalisierung der Kinosäle in Marokko oder der ganzen Kinobranche im Allgemeinen darlegen? Was denken Sie darüber?

Dies ist eine Veränderung, der man nicht entkommen kann. Die Kinogeschichte hat solch eine Veränderung bereits mit der Einführung des Tonfilms und der Farbe im Film erfahren. Das Kino ist schon immer durch technische Entwicklungen durcheinandergebracht worden. In Marokko hat sich diese Veränderung durch die Digitalisierung auf der Ebene der Dreharbeiten vollzogen. Nun ist das Digitale auf Produktionsebene fast schon Alltagspraxis geworden. Das Problem ist leider, dass die Kinosäle noch nicht an die digitale Projektion angepasst sind. Dies ist eine der großen Baustellen, an denen die neue Regierung und das CCM arbeiten werden. Man muss die Kinosäle wiedereröffnen und sie zur gleichen Zeit digitalisieren. Das geht Hand in Hand miteinander. Das heißt, die Aufgabe ist heute eine Doppelte, da viele Säle geschlossen wurden. Ich denke, dass die erste Konsequenz der Digitalisierung die Demokratisierung des audiovisuellen Schaffens, insbesondere des Kinos, ist, die interessante Folgen hat. Es gibt nun junge Leute, die sich besser ausdrücken können. Vielleicht kann man sogar sagen, dass es mit der Digitalisierung nun Themen gibt, die zum ersten Mal behandelt werden, insbesondere was den Dokumentarfilm betrifft. Jetzt, mit der Digitalisierung, können die jungen Marokkaner Themen quer durch die marokkanische Gesellschaft aufgreifen.

 

Es besteht also das Ziel, alle Kinosäle in Marokko zu digitalisieren?

Das ist das Ziel. Aber der CCM-Direktor wird dir das direkt beantworten können.

 

Ouarzazate ist das Zentrum der Filmproduktion in Marokko. Gibt es andere marokkanische Regionen oder Städte, die eine wichtige Rolle im Kinosektor spielen? Wenn ja, was ist deren Standortvorteil?

Für die nationalen und internationalen Dreharbeiten gibt es sehr präzise Orte, die die Filmschaffenden anziehen. Für das marokkanische Kino bleiben die großen Städte weiterhin Drehorte, vor allem Casablanca, da dort viele Filmschaffende sind. Aber jetzt stellt man fest, dass es Filmschaffende gibt, die die Vorstellungswelt ihres Drehbuchs erweitern wollen, indem sie in andere Regionen gehen. Wie Faouzi Bensaïdi, der seinen letzten Film in Tétouan gedreht hat. Und für „Sur la planche“ von Leïla Kilani war es Tanger. Viele neue Filme suchen sich also neue Handlungsorte. Aber der erste Standort, der internationale Filmproduktionen anzieht, ist Ouarzazate wegen seiner historischen Tradition. Es gibt Studios vor Ort. Es herrscht ein besonderes Klima und Licht und es gibt eine menschliche Vielfalt an Ethnien. Man kann dort einen Film drehen, der in Afghanistan oder in Schwarzafrika spielt. Aber es gibt jetzt immer mehr Regionen, die Ouarzazate Konkurrenz machen. So die Region von Erfoud und Errachidia. Dort werden viele Filme gedreht. In Erfoud und der Region von Merzouga, weil es dort sehr schöne Dünen gibt. Und in der Nordregion, der Region von Tétouan und Tanger, und der Region von Marrakesch. Diese Regionen weisen alle natürliche Standortvorteile und vor allem eine wichtige Infrastruktur aus Autobahnen auf, mit denen Marokko seit vier Jahren ausgestattet ist. Mit der jetzigen Infrastruktur können die Produktionsfirmen, die in Casablanca situiert sind, auch in anderen Regionen außerhalb der historischen Regionen des Kinosektors drehen.

 

Welche Assoziationen verbinden Sie mit dem deutschen Kino und der deutschen Filmindustrie?

Die marokkanischen Kinogänger mögen das deutsche Kino sehr, insbesondere das sogenannte „Junge Deutsche Kino“ der 70er-Jahre, das die „Neue Deutsche Welle“ mit Fassbinder, der „Oberhausener Gruppe“ und dem „Oberhausener Manifest“ entstehen lassen hat, und von dem heute noch die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen existieren.

Manche großen deutschen Filmschaffenden sind sehr bekannt in Marokko, vor allem Wim Wenders. Und es gibt Koproduktionsabkommen mit Deutschland. Ich denke Deutschland ist sehr an der marokkanischen Filmproduktion interessiert. Es gibt viele marokkanische Produzenten, die mit deutschen Produzenten für Fernsehfilme, andere Fernsehformate und ebenso ab und zu für Kinofilme zusammenarbeiten. Ich denke, dass Marokko und Deutschland viele Standortvorteile bieten, da bereits historische Beziehungen im Bereich des Kinos bestehen und Deutschland in Marokko sehr geschätzt wird, insbesondere aufgrund der Arbeit des Goethe-Instituts. Ich selbst hatte das Glück dank der Unterstützung des Goethe-Instituts zum Filmfestival nach Berlin zu fahren.

 

Die Möglichkeiten der deutsch-marokkanischen Zusammenarbeit existieren also vor allem im Bereich der Produktion, kann man das sagen?

Ja, in der Produktion, aber es wäre eine noch stärkere Zusammenarbeit wünschenswert. Ich kenne marokkanische Produzenten, die sich auf die Beziehung mit Deutschland spezialisiert haben. Aber man muss diese Zusammenarbeit ausweiten, denn Marokko kann momentan viel im Bereich der Postproduktion, das heißt, bei allen Tätigkeiten, die nach der Filmproduktion stattfinden, anbieten, insbesondere, was die Techniker betrifft, die von den Filmschulen, die Marokko jetzt besitzt, abgehen. Vorher kamen Filmproduzenten nämlich nicht nach Marokko, weil es nicht viele qualifizierte Techniker gab. Jetzt kann man für alle Posten marokkanische Techniker finden.

Es gibt also eine Nähe zwischen Deutschland und Marokko und vor allem die historische Tradition ermöglicht es derzeit in allen Bereichen des audiovisuellen und des Kinosektors Projekte auszumachen.

 

Was die Filmschulen betrifft, so habe ich gelesen, dass die Filmschule hier in Marrakesch 2006 eröffnet worden ist. Aber gibt es nicht noch eine andere in Ouarzazate, die schon lange Zeit existiert, und eine andere in Rabat?

Ja, aber die in Ouarzazate ist keine Schule im klassischen Sinne. Es handelt sich um eine Berufsausbildung. Sie bilden spezialisierte Techniker aus und keine Postenchefs. Hier in Marrakesch werden Postenchefs, Ingenieure, ausgebildet. Aber in Ouarzazate sind dies sehr gute Techniker, insbesondere für die Bereiche Special Effects, Kostum und Dekoration. Dies ist die beste Schule in ganz Marokko für diese Bereiche. Übrigens kannst du alles, was du in Ouarzazate bestellst, auch haben. Du kannst sogar den zweiten Weltkrieg anfragen und ihn in Ouarzazate drehen, denn dort haben sie viel Erfahrung und die Schule dort bildet hochqualifizierte junge Leute aus. Marrakesch ist eine ebenso interessante Erfahrung, denn dort wird bei der Ausbildung ein hohes Niveau erreicht, da viele kompetente Professoren die Lehrenden an der ESAV betreuen.

In Rabat gibt es eine private Schule, die sich vor allem auf Fernsehen spezialisiert hat. Bis jetzt sind alle großen Filmschulen in Marokko privat. Aber nächstes Jahr im September wird vom Staat eine öffentliche Ausbildungseinrichtung für das Kino eingerichtet.

 

Vielen Dank, dies waren alle meine Fragen.

Wir haben eine Tour durch das Kino in Marokko gemacht. Ebenso vielen Dank!

 

 

Eine gekürzte und modifzierte Version des Interviews erscheint Ende April/Anfang Mai 2012 in der Zeitschrift „Bilatéral“ der Deutschen Auslandshandelskammer Marokko.


 

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