Mein Interview mit Faouzi Bensaïdi, marokkanischer Filmschaffender, am 3. März 2012, Marrakesch

„Ich habe Filmemachen im Kinosaal gelernt, indem ich die Filme anderer angeschaut habe.“

„Wenn ein Zuschauer heute einen Film in einer besseren Qualität zu Hause auf DVD schauen kann, warum sollte er dann noch ins Kino gehen?“

„Es ist eine Plage und ich stimme zu, dass diese Piraterie aufhören muss. Aber ich bin der Überzeugung, dass die Kinosäle ihr Angebot verändern müssen. […] Es gibt etwas zu tun!“

„Ich habe schon immer mithilfe internationaler Koproduktionen gearbeitet. […] Aber ich sage auch weiterhin, dass man in Marokko einen Film machen kann, der eine rein marokkanische Produktion darstellt.“

Die Berlinale […], ich mag den Geist und die Offenheit des Festivals sehr gerne. […] Und selbstverständlich der Preis für meinen Film, das war das Tüpfelchen auf dem i, wirklich!“

Sie sind ein vielseitiger Filmschaffender, der als Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor und Cutter arbeitet. Können Sie uns einen kurzen Überblick über Ihre Karriere und Ihre Arbeit im Kinosektor geben?

Ich hatte schon immer Lust Kino zu machen, aber ich habe angefangen für zehn Jahre Theater zu spielen in einer Zeit als es in Marokko sehr kompliziert war, Filme zu machen, das heißt Mitte der 80er- bis Mitte der 90er-Jahre. Ich habe Theater Ende der 80er- bis Ende der 90er-Jahre gespielt. Das Kino war in dieser Zeit vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht sehr schwierig; es gab kaum Beihilfen. Und es gab keine neue Generation; schon seit Jahren hatte es keine neuen Filmschaffenden gegeben. Es wurden zwei, drei Spielfilme und einige Kurzfilme pro Jahr produziert. Es war sehr sehr kompliziert. Ich spielte also Theater, das ich als eine große Schule für mich betrachte.

 

Haben Sie in Marokko oder im Ausland Theater gespielt?

In Marokko und ich bin für das Theater auch nach Frankreich gegangen. Das war zu einer Zeit als ich mich in einer Ausbildung befand. Ich bin 1997 nach Frankreich gegangen und habe meinen ersten Kurzfilm, der „La Falaise“ hieß, realisiert, der es mir erlaubt hat, einen Weg ins Kino zu öffnen, denn danach konnte ich 2000 zwei weitere Kurzfilme, „Le Mur“ und „Trajet“, drehen. Der Erste war in Cannes (Festival de Cannes, Anm. d. Red.) und der Zweite in Venedig (Venice Film Festival, Anm. d. Red.). Ich konnte ebenso ein Drehbuch mit André Techiné schreiben, der meinen ersten Kurzfilm gesehen hatte. Danach kamen 2003 „Mille Mois“, „WWW What a Wonderful World“ 2006 und der neue Film, „Mort à vendre“, der gerade herausgekommen ist. Ich bin ebenso als Filmschauspieler tätig, aber nur ab und zu.

 

Wie in Ihrem aktuellen Film « Death for sale/ Mort à vendre », nicht wahr?

Ja, in dem spiele ich mit, das ist richtig.

 

Kann man also sagen, dass Sie Autodidakt sind? Oder wie haben Sie das Filmemachen gelernt?

Ich habe eine Ausbildung fürs Theater, aber nicht fürs Kino. Ich habe Filmemachen im Kinosaal gelernt, indem ich die Filme anderer Regisseure angeschaut habe.

 

Wie sehen Sie die aktuelle Situation der Filmindustrie in Marokko, insbesondere die konstante Produktion von 20 bis 30 Spielfilmen pro Jahr, der eine Verwertungskrise mit einem ständigen Rückgang der Kinosäle gegenübersteht? Was könnte man Ihrer Meinung nach tun, um wieder mehr Leute dazu zu bringen ins Kino zu gehen?

Es stimmt, dass wir uns gerade in einer außergewöhnlichen Periode der marokkanischen Kinogeschichte befinden und ich würde sogar sagen, in einer außergewöhnlichen Periode im Vergleich mit der restlichen arabischen Welt und mit Afrika. In einem Zeitraum von zehn bis 15 Jahren tauchte eine neue Generation an Regisseuren auf, was wir seit den 70er-Jahren nicht mehr hatten: Viele junge Regisseure realisierten ihren ersten Kurzfilm Mitte und Ende der 90er-Jahre. Wir haben außerdem die Thronbesteigung eines neuen Königs, und damit einhergehend, so ich kann sagen, einen frischen Wind für Marokko und die Gesellschaft.  Auch das Bewusstsein des Kinos als modernem Ausdrucksmittel, das ein Bild des Landes liefert, ist aufgekommen. Außerdem haben wir das Marokkanische Kinematographische Zentrum (CCM) und die Tatsache vorliegen, dass der Staat eine wichtige Politik der Beihilfen in Gang gesetzt hat, die heute eine Höhe von 6 Mio. € pro Jahr erreichen. Die Filmschule in Marrakesch, die ESAV (Hochschule für visuelle Künste, Anm. d. Red.), die Kinemathek von Tanger – ich denke, dass dies alles zur gleichen Zeit eingesetzt hat und verursacht hat, dass wir uns heute in dieser Situation mit einer wichtigen Produktion und vielen jungen Regisseuren wiederfinden.

Bleibt dieses schreckliche Problem in Form des Problems der Kinosäle. Im Bereich der Produktion, der Regie, der Schauspieler, der Techniker, der Instanzen und Institutionen gab es Entwicklungen. Ich denke, im Bereich der Verwertung allerdings gab es keine Entwicklung. Es gibt keinen Kinosaal, vielleicht mit Ausnahme der Kinemathek in Tanger und dem Saal „7ème Art“ in Rabat, der eine wirkliche Anstrengung bezüglich der Programmgestaltung unternimmt, der eine echte Arbeit für eine Nähe zum Publikum unternimmt, damit dieses nicht nur in einer kommerziellen Beziehung zum Film bleibt. Es gibt keine Animation, kein Vorhaben, keine Maßnahme, um das Programm vielfältiger zu gestalten. Sie sind seit 50 Jahren dabei, Filme um 14 Uhr, 17 Uhr, 21 Uhr zu zeigen, ohne nachzudenken, die Vorführzeiten zu variieren, zum Beispiel zu sagen, wir zeigen 18 Uhr  einen speziellen Film, ich weiß nicht, für Studenten, junge Leute, Kinder. Eine solche Arbeit gibt es nicht! Die Art und Weise, mit der sie seit mehreren Jahrzehnten ihre Kinosäle betreiben, die behalten sie bei. Darüber muss auch nachgedacht werden und ich bin absolut davon überzeugt, dass derjenige, der einen Saal eröffnet und eine echte Arbeit für das Publikum macht, dass derjenige auch Kunden binden wird. Daneben sind auch die Vorführbedingungen wichtig. Wenn ein Zuschauer heute einen Film in einer besseren Qualität zu Hause auf DVD schauen kann, warum sollte er dann noch ins Kino gehen? Um einen schlechten Ton zu haben, Glühlampen, die nicht mehr funktionieren, also kein Bild auf der Leinwand – wirklich eine sehr schlechte Qualität. Um politisch korrekt zu bleiben, unternimmt man keinerlei Anstrengungen dies zu korrigieren. Nach all dem komme ich schließlich auf das zu sprechen, was dir alle sagen werden und was auch stimmt …

 

… die Piraterie …

… die Piraterie, ja! Es gibt Filmpiraterie, das ist richtig! Es ist eine Plage und ich stimme zu, dass diese Piraterie aufhören muss. Aber ich bin der Überzeugung, dass die Kinosäle ihr Angebot verändern müssen. Wenn die Leute nur die DVD kaufen, werden sie eben nicht ein Treffen mit der Filmcrew erleben können. Es gibt etwas zu tun!

 

Denken Sie, dass zum Beispiel die Digitalisierung etwas ändern könnte? Zumindest für die Qualität der Filme oder für die Filmvorführung?

Ich bin noch ein nostalgischer Anhänger der 35 mm-Filme. Es ist wahr, dass ich dies nicht mit viel … ich weiß nicht, wie ich es sagen soll …

 

Sie stehen der Digitalisierung nicht sehr aufgeschlossen gegenüber … ?

Ja, das ist es, aber gleichzeitig weiß ich, dass wir alle in diese Richtung der Digitalisierung treiben und schlimmstenfalls, warum nicht? Zumindest wird man dann eine garantierte Minimalqualität für die Filmvorführungen in den Sälen haben und dann wird sich der Umlauf der Filmkopien vereinfachen. Ich denke daher auch, dass es eine Chance für uns ist – wir werden sehen!

 

Werfen wir einen Blick auf die finanzielle Seite Ihrer Filmprojekte: Wie finanzieren Sie Ihre Dreharbeiten? In welchen Bereichen haben Sie von Subventionen des CCM profitieren können? Sind Ihre Filme am Ende rentabel?

Ich habe schon immer – aber dies stellt nicht die Mehrheit des marokkanischen Kinos dar – mithilfe internationaler Koproduktionen gearbeitet. Ich bin immer von drei Ländern koproduziert worden, Frankreich, Belgien und Deutschland. Dies ermöglicht es ambitionierte Projekte anzugehen. Aber ich denke, dass es nicht nur meinen Fall gibt, sondern dass es eine gute Partie des weltweiten Kinos gibt, die heute mit Koproduktionen arbeitet. Aber ich sage auch weiterhin, dass man in Marokko – dies hängt natürlich vom Projekt ab – einen Film machen kann, der eine rein marokkanische Produktion darstellt.

 

Durch Beihilfen des CCM ?

… des CCM und des Fernsehens. Man muss auch anfangen nachzudenken und wirtschaftliche Konzepte entwickeln, die viel flexibler sind und die es vielleicht ermöglichen, mehr und gut zu produzieren. Ich werde auf alle Fälle nicht wechseln und bleibe in der Koproduktion.

 

Können Sie uns ein bisschen ausführlicher die Filmprojekte, die sie zusammen mit Deutschland realisiert haben, erläutern?

Ja, hier ist vor allem „WWW What a Wonderful World“, mein zweiter Film, und mein dritter Film „Mort à vendre“ zu nennen, die von „Heimatfilm“ mit Bettina und Johannes (Bettina Brokemper und Johannes Rexin, Anm. d. Red.) koproduziert worden sind, die sehr gut im Bereich des Autorenkinos sind und die viele Koproduktionen machen. Und das ZDF, sowie ARTE haben mich koproduziert und ebenso eine deutsche Region …

 

Welche? Ja, die deutschen Namen sind kompliziert …

Also, das war ganz sicher in Köln …

 

Also Nordrhein-Westphalen.

Ja, denn wir hatten die Abmischung und Special Effects in Düsseldorf gemacht und ich habe mit deutschen Teams zusammengearbeitet. Bei meinem zweiten Film „WWW What a Wonderful World“ gab es eine wichtige Koproduktion und der „World Cinema Fund“ der Berlinale hat ihn auch finanziell unterstützt. „Heimatfilm“ hat dann meine letzten beiden Filme, „WWW What a Wonderful World“ und „Mort à vendre“, koproduziert.

 

Die Berlinale schlägt einen Bogen zu meiner nächsten Frage: Ihr Film „Mort à vendre“ ist für den Wettbewerb der Kategorie „Panorama“ der Berlinale ausgewählt worden. Am Ende haben Sie den Preis einer der unabhängigen Jurys, der Jury der Internationalen Konföderation des Autorenkinos (C.I.C.A.E.), für diesen Film in Berlin erhalten. In welchem Ausmaß waren Ihre Anwesenheit auf der Berlinale und dieser Preis für Sie persönlich und beruflich wichtig?

Aus einem persönlichen Blickwinkel betrachtet war schon allein die Rückkehr auf die Berlinale sehr bewegend für mich, denn ich war dort im „Forum“ mit meinem ersten Kurzfilm „La Falaise“ vertreten. Danach habe ich andere Filme, Spielfilme, gemacht und bin mit diesen ins Ausland gegangen: Der Erste war in Cannes, der Zweite in Venedig und der Dritte in Berlin. Auf der einen Seite habe ich drei Spielfilme realisiert, von denen jeder auf einem der großen Filmfestivals präsent war. Diese Entwicklung kam unerwartet. Die Tatsache, dass ich auf die Berlinale zurückkomme, nachdem ich dort meinen ersten Kurzfilm präsentiert habe, war sehr sehr bewegend. Gut, ich bin mehrere Male danach in Berlin gewesen, aber auf die Berlinale zurückzukehren … Ich mag den Geist und die Offenheit des Festivals sehr gerne.

 

Um welche Epoche geht es? Können Sie mir dies bereits verraten? Sie sind nicht verpflichtet …

Entschuldigen Sie, aber ich bin wirklich noch am Schreiben und ich weiß noch gar nicht, wie sich die Dinge entwickeln werden. Ich habe gesagt, dass es sich um eine historische Erzählung handelt, was aber nicht heißen soll, dass es nicht Science Fiction wird, ich weiß es nicht. Wenn man schreibt, gibt es Dinge, die bleiben, aber der Stil kann sich ändern.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Eine gekürzte und modifzierte Version des Interviews erscheint Ende April/Anfang Mai 2012 in der Zeitschrift „Bilatéral“ der Deutschen Auslandshandelskammer Marokko.

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