Ceúta/Sebta – Afrika und Europa prallen aufeinander – und „Die weiße Taube“ Tétouan

Unglaublich, aber wahr: Jetzt bin ich schon seit drei Monaten in Marokko! Deswegen hieß es letztes Wochenende auch ausreisen, um das 90-Tage-Visum zu verlängern. Und nichts liegt da in Marokko näher als in einer der beiden spanischen Enklaven, Ceúta und Melilla, auszureisen, die beide den Status autonomer Städte auf dem afrikanischen Kontinent innehaben. Und so nahme ich mit Nathalie, die das Praktikum zur gleichen Zeit wie ich begonnen hatte, den Nachtbus nach Ceúta, da diese von beiden Städten näher an Casa liegt. Wir kamen gegen 6.30 Uhr im Grenzstädtchen Fnideq  und nahmen von dort ein Taxi bis zur Grenze, die wir dann zu Fuß überquerten. Da über Ceúta viele Leute versuchen illegal nach Europa zu gelangen wurde die Grenze in den letzten Jahren immer mehr befestigt und überwacht. Ich kam mir manchmal vor wie im Zoo, denn man lief durch ewig lange Gittergänge bis auf die andere Seite hinüber. Dann hieß es willkommen zurück in Europa: Die Taxifahrt zum Hostel kostete in etwa das sechsfache einer Taxifahrt derselben Strecke in Marokko, die Euros mussten wieder hervorgekramt werden und Nathalie musste mich öfters von der Straße zurückpfeifen, die ich ganz in marokkanischer Manier einfach ohne Rücksicht auf die Autos betreten hatte à la „na, die werden schon stehen bleiben“ 😉 Und: Keiner sprach nun noch irgendeine Fremdsprache (im Gegensatz zur immer wieder beeindruckenden Sprachgewandtheit vieler Marokkaner), so dass ich mir stets auf Spanisch einen abbrechen musste. Naja, ein bisschen Praxis schadet da nicht, auch wenn die Leute schwer zu verstehen waren und einen ähnlich nuscheligen Dialekt wie in Andalusien sprechen.

Unser Hostel zu finden stellte sich zunächst als schwierige Aufgabe da, denn an der von mir notierten Hausnummer und auch an den Türen daneben gab es keinerlei Hinweis darauf. Nachdem wir von drei Personen jedoch den Hinweis erhielten, einfach an der Tür eines großen roten Hauses unten am Berg zu klopfen, fanden wir es schließlich. Keine Ahnung, ob der Betrieb vielleicht nicht so ganz legal war, denn warum sonst bringt man nicht einmal ein Hostelschild außen an der Tür an???

Nathalie und ich machten uns dann gleich auf, um gemütlich Kaffee trinken zu gehen, die Stadt zu erkunden und ein bisschen shoppen zu gehen, denn letzteres ist hier um einiges billiger als in Marokko, da natürlich aufgeschlagene Zollgebühren entfallen. Die Stadt an sich sah meiner Meinung nach typisch spanisch aus (falls es so was gibt), aber die Leute auf der Straße bildeten einen bunten marokkanisch-spanischen Mix. Man sah Djellaba neben „europäischem“ Out; in den Läden allerdings hörte man mehr Arabisch als Spanisch, da offensichtlich viele marokkanische Mütter und ihre Töchter ebenfalls zum Shoppen nach Ceúta gefahren waren. Nachmittags stießen wir auf einen weiteren Grund, für den viele Marokkaner in die Enklave kommen, und der heißt schlicht und ergreifend einfach „LIDL“. Es handelte sich um einen besonders großen LIDL, der sich direkt am Hafen befand und dessen Kassen stets sehr gut klingeln müssen so voll war er mit Leuten. Auch wir ließen es uns natürlich nicht nehmen ein paar Sachen einzukaufen, die man in Marokko nicht bekommt. Auch der ramschige, an KIK erinnernde Klamottenladen nebenan war heillos überfüllt und es sah auch, als wäre eine Elefantenherde durch ihn hindurchgetrampelt: Viele Klamotten lagen auf dem Boden und alles war durcheinandergewühlt. Nach Mittagessen am Strand und einer Siesta im Hotel gingen wir abends in eine schöne Kneipe in den Festungsmauern der Stadt, wobei mich die Festung architektonisch sehr an bretonische Festungen erinnerte.

Den nächsten Tag wanderten wir zur Militärfestung auf dem einen Hügel der Stadt hinauf und hatten einen herrlichen Blick auf die Meerenge von Gibraltar. Das spanische Festland und auch der Fels von Gibraltar waren von hier aus gut zu sehen. Nachmittags machten wir uns erneut zur Grenze auf. Diesmal war es leider nicht ganz so einfach wie auf dem Hinweg und die Suche nach dem richtigen Abfertigungsschalter für den Einreisestempel erinnerte sehr an Asterix‘ und Obelix‘ Suche nach dem Passagierschein A38 :-S  Dann hieß es auch wieder willkommen zurück in Marokko: Die Taxifahrer, die hinter der Grenze warteten, wollten uns mal wiederschön abziehen und zu einem viel zu hohen Preis zum Busbahnhof von Fnideq fahren. Trotz diskutieren wollten sie nicht nachgeben und so mussten wir notgedrungen trotzdem eines der Taxis nehmen. Von Fnideq aus nahmen wir den Bus nach Tétouan, wo uns Couchsurfer Joel erwartete. Wir fuhren die Strecke in einem Bus, der wahrscheinlich aus den 50er-Jahren stammte, bis auf den letzten Platz ausgefüllt und super-eng zum Sitzen war. Aber die mitreisenden Leute waren echt hilfsbereit was unser Gepäck betraf.

Joel, Leiter des American Language Centers in Tétouan, holte uns in einem Café ab, in das wir uns einfach mal dreist mangels Alernativen gesetzt hatten, obwohl es eines von diesen typischen Männercafés in Marokko war, in dem viele Männer den ganze Tag rumhängen und die Straße beobachten. War schon interessant, was man so alles sehen konnte und viele vorbeigehende Männer starrten dann wiederum uns an, wie wir da als europäische Frauen in dem Café saßen. Werden wahrscheinlich „dumme Touristen“ gedacht haben… Aber warum die Tradition nicht mal ein bisschen aufmischen, nech?

Joel nahm uns mit zu seinem Appartment, das sich als perfekter Aussichtspunkt auf die Umgebung erwies – riesige Fenster, die die herrliche Lage Tétouans richtig gut sichtbar machten. Am nächsten Morgen erkundeten wir dann schließlich auch die Stadt und wussten dann, warum sie auch als „weiße Taube“ bezeichnet wird, denn die Straßen der Neustadt säumten viele strahlend weiße spanische Kolonialbauten. Auch die Medina, die übrigens UNESCO-Weltkulturerbe ist, war sehr schön und hatte mit ihrer ebenso hauptsächlich weißen Farbgebung einen ganz eigenen Charakter. Auch der König mag Tétouan: Er hat hier nämlich wegen des milden Klimas (von dem wir leider nichts mitbekamen *brrrr*) einen Königspalast, der mit Säulen umgeben ist, die von einem Schüler des katalanischen Architekten Gaudí stammen. Wieder was gelernt!

Der Ausflug endete für mich dann allerdings doch mit einem bitteren Nachgeschmack, denn mir wurde in der menschenvollen Medina wegen meiner eigenen Unachtsamtkeit mein Portemonnaie gestohlen. Zum Glück war es „nur“ mein Portemonnaie mit dem Bargeld, da ich meine Karten in einem anderen aufbewahre. Aber die umgerechnet etwa 20 €, die somit futsch waren, sind in Marokko schon viel Geld. Naja, ich hoffte einfach, das Geld hat ein ganz armer Schlucker bekommen, der jetzt seine Familie eine Woche ernähren kann…

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