Alltagsbeobachtungen

An dieser Stelle eine lose Sammlung an Alltagsbeobachtungen, die ich während meines gesamten Aufenthaltes in Frankreich gemacht habe:

1) Bürokratie

Unglaublich, aber wahr: Die Franzosen sind noch bürokratischer als die Deutschen. Sie lieben Dokumente über alles. Für sämtliche Gelegenheiten (Wohnheimplatzvergabe, Praktikumsvereinbarung, Partyraummietung) muss mindestens ein Dokument ausgefüllt werden (okay, das ist ja noch normal), zusätzlich muss man noch irgendwelche „justificatifs“ (Belege) erbringen, sei es Wohnplatznachweis, ärztliches Attest oder Einverständniserklärung eines Unitutors und eine Begründung schreiben. So geschehen für meinen Antrag auf Wohnheimplatzverlängerung: Bereits auf dem Dokument hatte ich auf dem dafür vorgesehenen Platz in Stichpunkten meine Motive erläutert, warum ich den Sommer über noch im Wohnheim wohnen bleiben möchte. Das allerdings reichte nicht aus. Ich musste an das Dokument noch einen Brief für die Wohnheimvergabestelle heften, auf dem ich noch einmal ausführlicher auf meine Motive einzugehen hatte. Ab Mitte Juni weiß ich dann, ob es etwas gebracht hat…
Auch für mein Praktikum musste ich eine so genannte „Convention“ (Übereinkunft) in dreifacher Ausführung ausfüllen, in der ich mein Praktikum erläutere und dem Praktikumsbüro der Uni sämtliche Informationen zu meinem Praktikum gebe. Diese Dokumente konnte ich allerdings nur erhalten, nachdem ich einen Motivationsbrief an meinen Fachtutor geschrieben hatte. Ich schickte die Convention dann an meine Praktikumsstelle, um deren Unterschrift zu erhalten. Danach gingen die Dokumente zurück an die Uni, um die Unterschrift des Unidirektors zu bekommen und wenn das dann irgendwann geschehen ist, werden sie mir zurückgeschickt und ich muss wiederum ein Exemplar an die Praktikumsstelle weiterleiten. Dieser ganze Prozess war natürlich noch begleitet davon, dass ich einen Nachweis einer Haftpflichtversicherung einreiche, diverse Kopien anhänge, etc. Ein Graus, als sich an meiner Praktikumsdauer etwas änderte! Ich musste wieder in dreifacher Ausführung einen Verlängerungsantrag ausfüllen, in dem ich teilweise genau dasselbe wie in der Convention schrieb und das ganze Prozedere danach begann von Neuem. Ils sont fous les Français!!!

2) Persönliches Geplänkel & die französische Schwäche für ausländische Akzente

In Frankreich läuft viel mehr auf der persönlichen Ebene ab. Überall wird eifrig ein Schwätzchen gehalten, egal ob an der Supermarktkasse, in einem Unisekretariat oder im Bus. Für mich als doch eher hektische Deutsche war das mindestens viertelstündige Anstehen an der Supermarktkasse (auch wenn nur zwei Personen vor mir waren) anfangs echt nervig, aber mittlerweile merke ich das schon gar nicht mehr. Bis wahrscheinlich zu meinem ersten Aldieinkauf wieder in Deutschland… 😉
Generell sind die Leute hier auch viel kontaktfreudiger und oft ganz in ihrer eigenen Welt versunken. So reden meiner Meinung nach mehr Leute als in Deutschland beim Einkaufen mit sich selbst, und das nicht nur ältere Leute, oder geben Kommentare zu dem ab, was man kauft. So geschehen bei H&M, wo ich dabei war mir eine Gesichtsmaske auszusuchen und die Frau neben mir erzählte, dass sie davon einen Hautauschlag bekommen hatte.
Auch bei, ich sag mal „formellen“ Anlässen wie Vorstellungsgespräch oder Kontoeröffnung, gibt es neben dem offiziellen immer auch einen persönlichen Teil, in dem ich dann natürlich erzählen musste, woher ich komme, was ich in Frankreich mache, etc. Und auch wenn man bei solch „formellen“ Dingen einmal ein Problem hat, ist es am besten, die persönlichen Umstände in aller Ausführlichkeit zu erläutern und schon lässt sich das Problem meist auf zwischenmenschlicher Ebene regeln.
Wenn man, wie ich hier, Ausländer ist, hat man in den meisten Fällen sofort einen Stein im Brett, vorausgesetzt, man spricht zumindest ein paar Brocken Französisch. Ich habe nämlich festgestellt, dass die Franzosen echt auf Akzente abfahren. Da ich diesen nie ganz verbergen kann, wurde ich z. B. schon beim Kaufen von Bustickets gefragt: „Ah, vous avez un joli accent! Vous venez d’où?“ (Ah, Sie haben aber einen schönen Akzent! Woher kommen Sie denn?). Und wenn ich mich im Café mit anderen Erasmusleuten auf Französisch unterhalte, kommt in den meisten Fällen auch jemand an den Tisch und fragt interessiert nach unserer Herkunft.
Vor ein paar Minuten ein weiteres typisches Beispiel für die französische Kontaktfreudigkeit: Ich habe für meine Reise nach Südfrankreich wieder einige Leute vom Hospitality Club kontaktiert, um bei ihnen kostenlos zu übernachten, und habe meiner Mail auch gleich meine Handynummer hinzugefügt. Viele rufen mich tatsächlich sofort zurück. Und der Typ vor ein paar Minuten rief mich sogar zurück, obwohl er gar nicht mehr in der von ihm im Profil angegebenen Stadt (Perpignan) wohnt, aber er erzählte mir, dass er ursprünglich aus Rennes sei, fragte mich an welcher Uni ich dort studiere, warnte mich ein bisschen vor Perpignan als einer etwas unruhigen Stadt vor und meinte, falls ich mal eine Übernachtungsmöglichkeit für Paris bräuchte, wo er nun gelandet ist, könnte ich ihn kontaktieren. Einfach nur klasse!

3) Englisch

Die englische Sprache bereitet den meisten Franzosen arge Probleme. Und ich glaube für Leute, die kein Französisch sprechen und die als Touristen nach Frankreich kommen, ist es ziemlich schwierig sich zu verständigen. Viele Franzosen haben mir ihre schlechten Sprachkenntnisse mit dem miesen Englischunterricht erklärt, der, zumindest bis vor kurzem noch, erst mit 12 Jahren begann und dann in der typisch frontalen Art durchgeführt wurde: Grammatik und Texte schreiben. Sprechen: Fehlanzeige! In der Uni gab es etliche Professoren, die sich vor der Ausspreche einer englischen Wendung umständlich für ihren Akzent entschuldigt haben und dann die Wörter in einer französischen Manier aussprachen, dass es einem die Nackenhaare aufstellte. Ein „Junk Cut“ wurde zu einem „Jönk Cöt“ oder der „Hays Code“ (sprich: „Hees“) wurde zum „Code Eis“.
Aber auch im Radio habe ich so einige Grausamkeiten anhören müssen, wenn die Moderatoren von irgendwelchen englischen Stars, Musik- oder Filmtiteln sprachen und ich erst nach mehrmaligem Wiederholen der „frenglischen“ Wendung erschließen konnte, von wem da gerade die Rede war.
Doch nicht nur englische, sondern sämtliche ausländische Namen und Bezeichnungen werden franzisiert. Manchmal redete ein Prof in der Uni von irgendeiner bekannten Persönlichkeit, doch bevor er deren Namen nicht an die Tafel geschrieben hatte, wusste ich nicht, von wem die Rede war. Einige Beispiele:
„Leonardo da Vinci“ wird zu „Léonard de Vinci“
„Pythagoras“ zu „Pythagore“
„Bach“ wird „Back“, „van Gogh“ wird „van Gock“ ausgesprochen, usw.
Hinzu kommt immer noch, dass die Franzosen sämtliche ausländische Wendungen mit der gleichen Endbetonung wie im Französischen aussprechen, was meist einfach nur putzig klingt.

4) Sicht auf die Deutschen & das „Phänomen Tokio Hotel“

Ich bin immer wieder erstaunt, wieviele Franzosen Deutsch in der Schule gelernt haben und zumindest immer ein paar Brocken hervorzaubern, wenn ich erzähle, dass ich Deutsche bin. Im französischen Schulsystem muss man nämlich neben Englisch zwischen Deutsch und Spanisch als Fremdsprache wählen. In den letzten Jahren überwog die Wahl von Spanisch, wahrscheinlich weil es als romanische Sprache leichter für die Franzosen zu erlernen ist. Tja und dann kam das „Phänomen Tokio Hotel“ und immer mehr französische Teenies entschieden und entscheiden sich nun Deutsch zu lernen. Erst gestern auf einer Party erzählte mir ein Franzose von seiner kleinen Schwester, die sich, um die Liedtexte von Tokio Hotel zu verstehen, enthusiastisch daran machte, Deutsch zu lernen. Tokio Hotel als deutsch-französische Kulturbotschafter!?
Generell reagieren die Franzosen positiv, wenn ich erzähle, dass ich aus Deutschland komme. Entweder haben sie selbst irgendeine persönliche Verbindung zu Deutschland, weil sie dort jemanden kennen oder im Urlaub waren, oder aber sie haben absolut keine Ahnung von Deutschland, waren noch nie dort, fragen mich dann aber interessiert, wie diese und jene Sache denn in Deutschland von statten geht. Bis auf eine Ausnahme habe ich keinen Franzosen getroffen, der Deutschland automatisch mit Hitler bzw. Nazis in Verbindung brachte. Eher im Gegenteil: Eine Französin erzählte mir, sie sei ganz genervt von der teilweise noch öffentlich in Frankreich praktizierten einseitigen Schuldzuweisung gegenüber Deutschland während der Nazizeit. Sie meinte, es würden noch viel zu oft die französischen Collaborateure vergessen und zum Beispiel über die französische Rolle im Algerienkreieg hülle man sich lieber in Schweigen.
Von der einen Ausnahme allerdings muss ich noch kurz erzählen: Ich war im ersten Semester mit Eva, einer Tschechin, auf einem Tanzfestival gewesen, wo uns eine Frau um die Mitte Fünfzig von der Insel La Réunion (französisches Überseegebiet) fragte, woher wir denn kämen. Als ich sagte „Aus Deutschland“ erwiderte sie: „Ah, Heil Hitler!“, worauf ich säuerlich antwortete, dass das ja nun nicht mehr aktuell sei.

Ein Gedanke zu “Alltagsbeobachtungen

  1. …ewig an der Kasse anstehen? …Immer Zeit fuer etwas samll talk? English ¿que es eso? …Das kommt mir irgendwie alles soooo extrem bekannt vor ;-)))) Aber hier kann niemand Franzoesisch!
    lg
    J.

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